04.09.2017

Die vielen Gesichter der Migration

Sommerserie Young Academics: Tausende „Gastarbeiter/innen“ aus der Türkei erreichten zwischen 1960 und dem Ende der 1980er Jahre Österreich. Ihre Geschichten, Bilder und Dokumente werden nun erstmals umfassend analysiert. „Es geht darum, ein vielseitiges Bild von Migration zu zeigen“, erklärt ÖAW-Stipendiatin Faime Alpagu das Ziel ihrer Forschung.

Faime Alpagu hält ein Foto aus dem Jahr 1979 in der Hand. Darauf zu sehen ist ein Mann auf der Straße; im Hintergrund ist ein etwas heruntergekommenes Haus. Er trägt eine moderne, grell-gelbe Jacke, die sofort ins Auge sticht. Seine Augen sind durch seine Haare verdeckt. Es ist „Ali Demir“ – so hat ihn die junge Soziologin von der Universität Wien genannt. „Ich habe allen Interviewpartnern und Gesprächspartnerinnen ein Pseudonym gegeben. Die meisten möchten aber eigentlich, dass ich ihren richtigen Namen nenne. Sie wollen zeigen, welchen Fußabdruck sie in Österreich hinterlassen haben.“

Auch Ali Demir will mit dem Bild zeigen, was er als „Gastarbeiter“ in Wien erreicht hat, sagt Alpagu. „Es ist durchaus eine Erfolgsgeschichte. Er hat Arbeit in einer Reifenfabrik und später als Lagerarbeiter gefunden, was ihm zuvor in der Türkei nicht gelungen war. Er wurde oft als zu klein und zu dünn abgestempelt, wie seine Biographie zeigt.“ Das Bild schickte er damals an seine Eltern. Dass es mit dem Blickwinkel von unten nach oben aufgenommen wurde, hält Alpagu für keinen Zufall. „Er wirkt dadurch größer.“ Heute lebt Ali Demir noch immer in Wien, hat eine Pension und ein Haus in der Türkei.

Briefe, Erzählungen und Dokumente

In ihrem Dissertationsprojekt, für das die kurdische Forscherin kürzlich ein DOC-Stipendium der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erhielt, untersucht Alpagu die Geschichten jener Menschen, die zwischen 1960 und Ende der 1980er Jahre als sogenannte Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen von der Türkei nach Österreich kamen. Die meisten sind heute über 70 Jahre alt. In ihrer Analyse konzentriert sich Alpagu auf alte Fotos, Briefe, biografische Dokumente sowie „Hörbriefe“: „Viele konnten nicht lesen und schreiben, ein Telefon war wiederum zu teuer oder nicht verfügbar. Deshalb haben manche Kassetten von türkischen Sängern übersprochen und an ihre Familie in die Türkei geschickt. So gingen die Sprachnachrichten hin- und her.“

 

Ich möchte zeigen, wie sich bildliche und sprachliche Ausdrucksformen der Migration systematisch und über verschiedene zeitliche Erzählebenen hinweg verknüpfen lassen.

 

Diese unterschiedlichen Quellen analysiert und vergleicht die Soziologin anschließend mit dem, was ihr die Menschen in Interviews erzählen. „Es geht nicht darum, ob die Menschen mir die Wahrheit sagen oder nicht. Vielmehr möchte ich herausarbeiten, was sie wie erzählen und herzeigen, aber auch welche Etappen aus ihrer Biografie sie nicht erwähnen oder sichtbar werden lassen.“

 

 

Von Ali Demir etwa bekommt Alpagu keine Briefe oder Kassetten, sondern nur ein Bild zur Verfügung gestellt – jenes mit der gelben Jacke. Er erzählt  im Interview  weniger von seiner Zeit in Wien, sondern spricht vor allem über seine Schwierigkeiten, in der Türkei Arbeit zu finden, so Alpagu.  Eine andere Gesprächspartnerin, die seit 1966 in Österreich lebt, erzählt, wie das Thema Migration ihre gesamte Familiengeschichte bestimmt. Ihre Großeltern wurden aus dem Kaukasus in die Türkei vertrieben. Sie selbst wurde in der Türkei geboren und wanderte von dort nach Österreich aus. Ihr Sohn wiederum überlegte von Österreich in die USA zu ziehen. „Migrant oder Migrantin zu sein, wird in dieser Familie zu einer die Generationen übergreifenden Erfahrung.“ Ein anderer „Gastarbeiter“ wiederum, der seit 1976 in Wien ist, spricht hauptsächlich über die Konflikte zwischen Kurden und Türken und erzählt, dass seine kurdische Familie immer wieder den Wohnort in der Türkei wechseln musste. 

"Das Thema, anders zu sein, hat mich stets begleitet“

Eine Situation, die  Faime Alpagu nicht ganz fremd ist. Auch sie ist mit ihrer Familie von einer kurdischen Kleinstadt in der Osttürkei nach Istanbul gezogen. In Istanbul hat sie Soziologie studiert, bevor sie für ihr Masterstudium nach Wien kam. „Das Thema, anders zu sein, hat mich stets begleitet. Ich weiß, welche Herausforderungen, aber auch bereichernde Erfahrungen,  es mit sich bringt, wenn man seinen Heimatort verlässt und mit einer anderen „Mehrheitsgesellschaft“ Kontakt aufnehmen muss. Als ich dann als Jugendliche erfahren habe, dass sich die Soziologie unter anderem mit solchen Themen auseinandersetzt und versucht, Lösungen zu finden, wusste ich, dass ich dieses Fach studieren möchte.“ 2014 hat Alpagu das Masterstudium an der Universität Wien abgeschlossen, seither ist sie Doktorandin und Lektorin am dortigen Institut für Soziologie sowie am Institut für Bildungswissenschaften.

 

Ich weiß, welche Herausforderungen, aber auch bereichernde Erfahrungen, es mit sich bringt, wenn man seinen Heimatort verlässt und mit einer anderen „Mehrheitsgesellschaft“ Kontakt aufnehmen muss.

 

Mit ihrem Forschungsprojekt zur „Gastarbeit“ in Österreich will Alpagu nicht nur die vielen verschiedenen Facetten der Migration zeigen, sondern auch die Forschungsmethoden zur Analyse von Migrationsbewegungen weiterentwickeln. „Ich möchte zeigen, wie sich bildliche und sprachliche Ausdrucksformen der Migration systematisch und über verschiedene zeitliche Erzählebenen hinweg verknüpfen lassen.“

Bereits 2016 wurde sie dafür mit dem Dissertationspreis für Migrationsforschung der ÖAW ausgezeichnet. „Als ich den Preis gewonnen habe, wusste ich, ich bin angekommen“, erinnert sich die Sozialwissenschaftlerin. „Es ist aber auch eine große Verantwortung, meine Forschung nun sehr gut fortzuführen.“