29.12.2016

DIE RÄTSEL DER VERGANGENHEIT LÖSEN

Young Academics: Die ÖAW-Archäologin Ina Eichner untersucht faszinierende Orte und Monumente der spätantiken und byzantinischen Zeit, auf die nur wenige spezialisiert sind.

Es war auf einer Studienreise durch die Türkei, als Ina Eichner die byzantinischen Monumente das erste Mal auffielen. Damals studierte sie noch Kunstgeschichte an der Universität Heidelberg. "Ich wollte schnell mehr darüber erfahren. Als ich nach Deutschland zurück kam, recherchierte ich, fand dabei aber kaum Informationen - manchmal nicht einmal den Namen der Orte und Gebäude, was mich mit vielen Fragezeichen zurück ließ", so die heute am Institut für Kulturgeschichte der Antike (IKAnt) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) tätige Archäologin. Es folgten weitere Reisen und einige Fotos von antiken christlichen Bauten in der Türkei, Syrien und Ägypten - das Ergebnis ihrer Recherche war überall dasselbe. "Irgendwie faszinierte und stachelte mich das gewissermaßen an. So beschloss ich, mein Studienfach zu wechseln und ´Christliche Archäologie und byzantinische Kunstgeschichte` im Hauptfach zu studieren", beschreibt Eichner ihren Weg in die Erforschung vergessener Monumente. 

"Wenige sind auf diese Zeit spezialisiert"

Bis heute sind nur wenige Bauten der Spätantike und byzantinischen Zeit archäologisch umfassend untersucht worden; das heißt von der Anerkennung des Christentums zu Beginn des 4. Jahrhunderts bis 1453, dem Jahr der Eroberung Konstantinopels.

Der Grund: Es gibt lediglich eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, die auf diese Zeit spezialisiert sind und von diesen legen nur wenige ihren Arbeitsschwerpunkt in die archäologische Erforschung der Monumente, erläutert die ÖAW-Archäologin. 

Seit ihrem Studienabschluss widmet sich die deutsche Wissenschaftlerin deshalb jenen Orten, die andere nicht beachten. Aktuell erforscht sie zusammen mit Kollegen und Kolleginnen, u.a. des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, eine Klosterlandschaft auf einem Hügelrücken in Theben-West in Oberägypten. Diese wird auf die Zeit zwischen dem 6. und 10. Jahrhundert nach Christus datiert und ist dank des Wüstenklimas gut konserviert. "Das Spannende ist hier, dass Mönche und Eremiten ihr Zusammenleben hierarchisch organisiert haben", so Eichner, die das Ausgrabungsprojekt leitet. 

Facettenreiche Klosterlandschaft Ägyptens

So gab es ein Hauptkloster, in dem mehrere Mönche gemeinschaftlich gelebt haben. Um dieses herum hatten bereits zuvor christliche Eremiten ältere pharaonische Grabanlagen als Wohnbehausungen benutzt. "Heute wissen wir, dass sich manche dieser Wohnzellen sogar zu kleineren Gemeinschaften zusammengeschlossen haben. Diese "Miniklöster" und das etwas später entstandene Hauptkloster waren wiederum miteinander verbunden, wodurch sich eine sehr facettenreiche Klosterlandschaft ergab", so Eichner. Wie genau diese Hierarchie strukturiert war, ist im Moment noch unklar, soll aber in den nächsten Jahren untersucht werden. "Wir wollen das gesamte Bild bekommen", so die Forscherin. 

Um das zu erhalten, arbeitet die Archäologin wie bei einem Puzzle und fügt Informationen aus originalen Urkunden und Schriften mit Ausgrabungsbefunden und Fundstücken zusammen. "So werden in Urkunden beispielsweise ein Abt und zwei Beisitzende genannt, das allein sagt noch nicht viel über die hierarchische Organisationsstruktur des Klosters. Bezieht man hingegen die Architektur und Einrichtung der Räume mit ein, dann sieht man z.B., dass es eine große Mönchszelle mit nur einem Bett und einem großen Bücherschrank gab, in der wohl eine wichtige Persönlichkeit des Klosters gelebt hat, während die "normalen" Mönche in sehr kleinen Zellen mit fünf oder sechs Betten lebten. Wir stehen hier noch am Anfang, aber alle verfügbaren Informationen, wie schriftliche Zeugnisse, Grabungsfunde, die Architektur und historische Daten zusammen ergeben hoffentlich dann ein großes Ganzes", so Eichner. 

Einen Goldschatz freigelegt

Bei bisherigen Grabungen im Kloster und seinen Außenanlagen legte Eichner zahlreiche Funde und Befunde frei, die Aufschluss über das Leben der Mönche geben. So fand sie Webkämme und Wollknäuel, die darauf hindeuten, dass die Mönche auch Textilien hergestellt und verarbeitet haben. "Es ist  immer besonders interessant, wenn man einen Fetzen Stoff oder ein paar Holzstücke findet. Dann heißt es, weiter zu recherchieren, um herauszufinden, zu welchem Gegenstand sie einmal gehört und welche Funktion sie ursprünglich überhaupt gehabt haben könnten. Auf diese Weise kommt eins zum anderen. Man weiß aber letztlich nie, was man finden wird", erzählt Eichner. 

So kann es auch einmal passieren, dass man unerwartet einen kleinen Goldschatz entdeckt, wie es ihr und ihrem deutschen Kollegen vor zwei Jahren gelungen ist. Eine Goldgräberin wird Eichner daraufhin jedoch nicht: "Der ´Schatz` liegt vielmehr darin, die Rätsel um einzelne Gegenstände und das spätantike und mittelalterliche Leben zu lösen. Bei Goldmünzen hat man das so nicht."