22.03.2018

Die letzten Zeugen

Als Kinder und Jugendliche mussten sie vor den Nazis aus Österreich fliehen. Heute zählen sie zu den bedeutendsten Wissenschaftler/innen der Welt. Eric Kandel, Ruth Klüger, Martin Karplus und dreizehn weitere Forscher/innen erzählten im Film „Exile & Excellence“ an der ÖAW, wie Flucht und Vertreibung ihr Leben geprägt hat.

„Bist du ein Jud?“, fragte ein junger Offizier der Sturmabteilung den damals Fünfzehnjährigen Egon Schwarz auf einer Straße in Wien in den Tagen nach dem „Anschluss“ im März 1938. „Ich sagte, ‚ja‘ und er meinte, ich solle mitkommen ins Hauptquartier“, erinnert sich der spätere Harvard-Professor und Experte für österreichische Literatur. Schwarz kam nicht mit. Er wehrte sich, als der SA-Offizier an ihm zerrte, bis dieser schließlich von ihm abließ. „Fragen Sie mich nicht, was mich mit fünfzehn Jahren damals dazu befähigt hat, der Uniform Widerstand zu leisten.“
 
Egon Schwarz ist einer von fünfzehn weiteren herausragenden Wissenschaftler/innen, die im Film „Exile & Excellence. The Class of `38“ von ihren Erlebnissen in Österreich zur Zeit des Nationalsozialismus, ihrer Flucht und ihren Lebenswegen danach erzählen. Am 13. März 2018 wurde der vom österreichisch-britischen Filmemacher Frederick Baker gestaltete Film erstmals vor großem Publikum im Festsaal der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gezeigt.

In eindrücklichen und berührenden Interviews vermittelt der Film achtzig Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland die Perspektiven der von Flucht und Vertreibung betroffenen Forscher/innen und ist damit zugleich ein Zeitdokument für das kollektive Gedächtnis des Landes. ÖAW-Präsident Anton Zeilinger erinnerte sich anlässlich der Premiere, wie ihn Erzählungen von Überlebenden des Holocaust seit seiner Jugend beschäftigt haben. „Es ist klar, dass künftige Generationen nicht mehr die Gelegenheit dazu haben werden, mit diesen Personen in Kontakt zu kommen.“ Aus diesem Gedanken entstand schließlich die Idee zum Film „Exile & Excellence“, erklärte der Quantenphysiker.
 
„Reiner Zufall, dem ich mein Leben verdanke“

Zu der „Klasse von 1938“ zählen neben Egon Schwarz auch der Nobelpreisträger und Neurowissenschaftler Eric Kandel, der als Neunjähriger mit seiner Familie in die USA floh, oder der renommierte Psychologe Walter Mischel, der bei seiner Flucht acht Jahre alt war. Auch die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger erzählt ihre Lebensgeschichte im Film. Sie wurde als Kind in verschiedene Konzentrationslager deportiert. „Es ist der reine Zufall, dem ich mein Leben verdanke. Jener Zufall, der innerhalb von 15 oder 30 Minuten stattgefunden hat, in denen ich, obwohl ich viel zu jung war, ausgewählt wurde, um von einem Vernichtungs- in ein Zwangsarbeitslager zu kommen“, berichtet die Wissenschaftlerin.
 
Nach Ende des Krieges, erzählt Klüger weiter, schrieb sie sich ohne Schulbildung am City College in New York ein, wie viele zu dieser Zeit. „Da war praktisch eine Überschwemmung von Studenten, die aus Europa gekommen waren. Die Zeugnisse konnte man am College nicht lesen, und so haben sie gesagt: Wer es nach zwei Semestern nicht schafft, wird rausgeschmissen.“ Alle strengten sich an und niemand musste gehen, erinnert sich die Germanistin, die 2015 die Ehrendoktorwürde der Universität Wien erhielt.
 
Wie in einem Mosaik verwebt der Film, der unter der wissenschaftlichen Leitung der ÖAW-Historiker/innen Heidemarie Uhl und Johannes Feichtinger entstand, die Geschichten von Ruth Klüger oder Egon Schwarz unmittelbar mit den Erinnerungen weiterer herausragender Forscher/innen, die ihre wissenschaftlichen Karrieren in den USA, Großbritannien oder Israel verwirklichten. Unter ihnen auch die Molekularbiologin Hanna Engelberg-Kulka, der Kardiologe Eugene Braunwald sowie die Sozialpsychologin Lotte Bailyn und der Nobelpreisträger Martin Karplus, der seit 2015 Ehrenmitglied der ÖAW ist.
 
Österreich bleibt Heimat

Obwohl die Wissenschaftler/innen aus Österreich vertrieben und von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, bleibt für viele Österreich ihre „Heimat“, wie der Englisch sprechende Braunwald es mit einem deutschen Wort ausdrückt. „Es ist sehr seltsam. Das fühle ich nicht, wenn ich nach Boston komme“, erklärt der Harvard-Professor, der im Alter von neun Jahren floh und den Großteil seines Lebens in den USA verbracht hat. Der Sozialpsychologe Herbert Kelman meint wiederum: „Österreich ist ein Teil von mir, warum soll ich das weggeben. Es gehört ja mir.“
 
Manche der exzellenten Denker/innen blicken in dem Film ungeachtet ihrer furchtbaren Erfahrungen auch positiv auf ihr Schicksal zurück, wie etwa der Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel. „Ich bin nicht wirklich dankbar für 1938, aber ich bin dankbar für jene vielen Dinge, die ein gutes und interessantes Leben möglich gemacht haben.“ Und Egon Schwarz ergänzt: „Hier in Österreich wäre ich nichts Besonderes geworden.“ Dennoch – auch daran erinnern die Interviewten – handle es sich bei den Personen in diesem Film um jenen kleinsten Teil von Menschen, die es angesichts geschafft haben. „Wir sprechen hier nicht über die große Mehrheit, die unterwegs getötet wurde oder verhungerte. Nur sieben Prozent überlebten die Flucht und von diesen sehen wir nur auf jene wenigen, die Exzellenz erreicht haben“, verdeutlicht der Hochdruckphysiker und Wissenschaftshistoriker Gerald Holton, der als 16-jähriger mit einem Kindertransport über England in die USA kam.
 
Am Ende lautet die Botschaft des Films daher eindeutig: „Nie wieder!“. Ein Appell, den der Sozialpsychologe Kelman wie folgt interpretiert: „Viele verstehen den Satz in dem Sinne, dass Juden es nie wieder zulassen dürfen, dass ihnen so etwas wiederfährt. Ich meine, nie wieder kann das irgendeinem Menschen angetan werden.“