22.08.2017

Die große Zeit der Wiener Spieldosenmacher

Die Schweiz gilt als Wiege der Spieluhren. Was nur wenige wissen, auch in Wien und Prag florierte im 19. Jahrhundert die Erzeugung der kleinen Musikinstrumente. Was diese besonders machte, erzählt Helmut Kowar vom Phonogrammarchiv der ÖAW.

Genf, 1796 – eine kleine Walze dreht sich in einer Tabatiere. Sie ist übersäht mit  abstehenden kurzen Stiften, die sich langsam an einer Reihe von abgestimmten Stahlfedern vorbeidrehen und diese vorsichtig zupfen. Es erklingt eine Melodie. Der erste, der dieses Konzept einer Spieldose entwickelte, war der Schweizer Uhrmacher Antoine Favre-Salomon. "Man nannte das Instrument zunächst „Musique de Genéve“, weil man dafür noch keinen Namen hatte", erklärt Helmut Kowar, Direktor des Phonogrammarchivs der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Kurz darauf wurden die Spieluhren und Kassetten weltbekannt. "Dass diese aber auch in Wien hergestellt wurden, wissen nur wenige." Das nahm Helmut Kowar nun zum Anlass, um seine jahrelange Forschung in einem Buch zu dokumentieren, das kürzlich im Verlag der ÖAW erschienen ist.  

Haben Sie selbst eine Spieluhr zu Hause, Herr Kowar?

Helmut Kowar: Ich habe eine Bilderuhr. Sie ist eigentlich nichts Besonderes, hat aber eine sehr schöne Melodie. Ich hatte das große Glück, sie einigermaßen günstig bei einer Auktion erstanden zu haben. 

Spieluhren waren in Europa ab dem späten 18. Jahrhundert sehr beliebt. Hergestellt wurden sie nebst der Schweiz und dem französischen Jura nur noch in Wien und Prag – warum gerade hier?

Kowar: Die Schweiz ist klar das Land der Spieldosen und der französische Jura liegt daneben – das ist also eins. Sie haben auch dieselbe Bautechnik sowie Musik verwendet. In Wien hat man ursprünglich die Schweizer Spielwerke nachgebaut, worüber aber kaum etwas bekannt ist. Es  haben sich dann schnell eigene, wenngleich wesentlich kleinere Manufakturen herausgebildet. Die Wiener und Prager Werkstätten waren damals die einzigen, die eigene, "nichtschweizer" Uhren und Spieldosen hergestellt haben. Verkauft wurde sie aber nur im Raum Österreichs sowie Teilen Osteuropas.

In Wien hat man ursprünglich die Schweizer Spielwerke nachgebaut, worüber aber kaum etwas bekannt ist.


Warum nur dort?

Kowar: Die Schweizer hatten wesentlich mehr Kapital zur Verfügung. Es gab große Fabriken, die hohe Stückzahlen herstellten und sie dementsprechend weit verbreiten konnten. Zudem hatten die Schweizer einige internationale Handelsbeziehungen und auch Niederlassungen in anderen Ländern wie etwa in England. In Wien wiederum waren die Werkstätten oftmals Ein- oder Zweimannbetriebe, alleine die Firma Rzebitschek in Prag hatte mehrere Mitarbeitende beschäftigt. Mit den Schweizern konnten aber auch sie nicht mithalten. Man hatte aber genug damit zu tun gehabt, den österreichischen und osteuropäischen Markt zu beliefern.

Inwiefern haben sich die Wiener und Prager Spieldosen von den Schweizern unterschieden?

Kowar: Bautechnisch unterschieden sich die österreichischen Uhren unter anderem dadurch, dass sich das Modell über die Jahrzehnte hinweg nie verändert hat. Die Schweizer wiederum haben ihre Uhren und Kassetten auch weiterentwickelt und beispielsweise Zusatzinstrumente eingebaut, wie etwa Glocken, Trommel, Kastagnetten, oder ein kleines Harmonium, das nannten sie „voix celeste“. Damit kreierten sie neue Klangfarben.

Musikalisch war in der Schweiz die internationale Musikszene vertreten. Dazu gehörten Oratorienmusik und internationale Opernmusik, aber auch schottische Lieder für den englischen Markt, oder persische Melodien für den Schah von Persien. Zum Teil waren das sehr große und aufwendige Stücke.

Die österreichischen Werkstätten haben den Bedarf des gehobenen Bürgertums bedient. Die alten Spieluhren sind dadurch eine wahre Fundgrube für die Gebrauchsmusik der damaligen Zeit.


Die österreichischen Werkstätten haben hingegen den Bedarf des gehobenen Bürgertums bedient und die wollten, was man in Wien zum Beispiel in den Opern und Tanzsälen gehört hat, wie etwa Musik von Lanner und Strauss. Die alten Spieluhren sind dadurch eine wahre Fundgrube für die Gebrauchsmusik der damaligen Zeit. Darüber hinaus hat man natürlich auch unterschiedliche Volkslieder in die Spieluhren eingebaut – vor allem auch für den osteuropäischen Markt.

Das heißt, eine Spieluhr war in Österreich ein Statussymbol?

Kowar: Diese Kommodenuhren hießen ja Hausmeisteruhren – wer etwas auf sich hielt, stattete seine Wohnung damit aus. Bilderuhren waren eine unglaubliche Mode. Man hat hier auch weitere Automaten hinzugefügt, sodass sich die Bilder bewegen konnten. Je nachdem was man ausgeben wollte, hat man zwei oder mehrere Melodien-Werke eingebaut. Das Geymüllerschlössel in Wien hat etwa eine Uhr mit einem 8-Melodienwerk, was ziemlich teuer gewesen sein musste. Es ging aber auch darum, sich damit die neueste Musik nach Hause holen zu können.

Haben sich die Wiener Spieluhren auch von den Prager Uhren unterschieden?

Kowar: Das ist das Interessante – es ist kein wirklicher Unterschied zu erkennen, weder in der Bautechnik noch in musikalischer Hinsicht. Sie haben zwar durchaus ihre eigenen Arrangements gemacht, aber warum die beiden Produktionsstätten im Wesentlichen so gleich gearbeitet haben, ist völlig unklar. Man hat das Gefühl, sie hätten sich abgesprochen, Beweise dafür gibt es aber keine.

Wer hat die Spieluhren gebaut? Waren das auch Musiker?

Kowar: Sowohl Rzebitschek in Prag als auch Olbrich in Wien waren Uhrmacher. Der ganze Antrieb mit dem Federwerk und die gesamte Feinmechanik ist eine Uhrmacherarbeit. Sie haben sich dann spezialisiert und sind schließlich Spielwerkmacher geworden – später haben sie sich auch Musikmaschinisten genannt.

Von der Firma Rzebitschek weiß man, dass es einen Musiksetzer gab, der offensichtlich dafür verantwortlich war, die Musik einzurichten und das richtige Arrangement zu finden. Anton Olbrich wiederum hatte einen Bruder Josef, der Musikant gewesen sein soll. Da könnte man sich vorstellen, dass der diese Arbeit übernommen hat. Wer das sonst gemacht hat, ist nirgendwo beschrieben.

Man muss aber auch sagen: es war vermutlich keine große Sache, solche Arrangements zu machen. Zudem florierten in Wien zur gleichen Zeit die Flötenuhren und hierfür wurden auch ständig Arrangements gemacht. Es gab wahrscheinlich genug Kapellmeister oder andere Musiker, die sich damit etwas dazuverdient haben.

Sind Spieluhren aus musikalischer Sicht auch heute noch interessant?

Kowar: Es gibt durchaus fantastisch gute Arrangements – vor allem aus Wien und Prag. Schon von den Zeitgenossen und bis heute wird in Kritiken immer wieder betont, dass hier die Uhren musikalisch hervorragend und viel besser sind als in der Schweiz. Es steht aber auch in einer Besprechung geschrieben, dass die österreichischen Uhren viel teurer sind. Ob es hier eine Korrelation gibt, weiß ich nicht.

Warum hat dieser Trend in Österreich nach rund 70 Jahren plötzlich geendet?

Kowar: In den 1880er Jahren ist in Leipzig die Plattenspieldose erfunden und auf den Markt gebracht worden. Dabei handelte es sich ebenfalls um ein Kammspielwerk nur mit Platten – entweder waren sie gelocht oder hatten ebenfalls Zähne vorstehen. Diese Platten konnte man leicht auswechseln, was ein großer Fortschritt  und wesentlich billiger war. Die Stückzahlen gingen in die Hunderttausende.  Dadurch konnte man sich in Katalogen die gängigste Musik einfach aussuchen.

Nach 1900 kam das Grammophon auf und damit war die Zeit der Spieldosen allgemein vorbei.


Das hat nicht nur für die österreichische sondern auch die für die schweizer Spieluhrenproduktion das Ende bedeutet. Einige schweizer Firmen haben versucht, auf den Trend aufzuspringen und auch Plattenspieldosen herzustellen. Die Walzenspieldose war damit aber passee. Der Trend hielt jedoch nur kurz an, da bald nach 1900 das Grammophon aufkam und damit war die Zeit der Spieldosen allgemein vorbei.