22.09.2017

Das Leben davor und danach

Die Lebensgeschichten und Perspektiven syrischer Kriegsflüchtlinge hat der ÖAW-Sozialanthropologe Gebhard Fartacek aufgezeichnet und analysiert. Erste Ergebnisse seiner Forschung sind nun in einer Publikation erschienen.

„Die meisten sind froh, dass man sich für ihre Geschichte interessiert und erzählen gerne über ihre Erlebnisse und Hoffnungen“, berichtet der Sozialanthropologe Gebhard Fartacek vom Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Der Syrienexperte hat seit Anfang 2016 mehr als 30 Kriegsflüchtlinge interviewt, darunter Männer und Frauen unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften – Sunniten, Christen, Drusen, Alawiten und Ismailiten. Wichtige Unterstützung erhielt der ÖAW-Forscher dabei von Safwan Alshoufi, einem syrischen Künstler und Konfliktmanager, der vergangenes Jahr im Rahmen der ÖAW-Flüchtlingsinitiative am Phonogrammarchiv ein Praktikum absolvierte.

Die ersten Untersuchungsergebnisse sind nun im Sammelband „Facetten von Flucht aus dem Nahen und Mittleren Osten“ erschienen. Im Interview spricht Fartacek, der seit den späten 1990er Jahren zu Syrien und seinen Menschen forscht, darüber, wie es den Geflüchteten in Österreich seit ihrer Ankunft ergangen ist und über die Bedeutung der lokalkulturellen Vermittlung für einen zukünftigen Friedensprozess in Syrien. 

Viele ihrer Interview-Partner beschreiben das Zusammenleben in Syrien vor dem Bürgerkrieg als Nebeneinander – inwiefern?

Gebhard Fartacek: Die unterschiedlichen ethnisch-religiösen Gruppen – die Sunniten, Drusen, Ismailiten, Alawiten und Christen unterschiedlicher Konfession – lebten relativ getrennt voneinander. Es gab getrennte Siedlungsgebiete. Im Alltag blieb man eher unter sich. Man wusste kaum etwas über die jeweils anderen Religionsgemeinschaften. Es gab aber auch keine gegenseitigen Missionierungsversuche, man wollte niemanden bekehren, denn religiöse Zugehörigkeiten wurden mehr oder weniger als „etwas Angeborenes“ aufgefasst. So könnte man die Situation über weite Strecken bis 2010 charakterisieren. 

Liberal denkende Intellektuelle wurden zunehmend desillusioniert.


Wie ist es dann zu den Aufständen ab 2011 gekommen?

Fartacek: Die Demonstrationen haben ihre Vorgeschichte. Bereits zwischen den Jahren 2000 und 2004 formierte sich unter dem Begriff „Damaszener Frühling“ eine kleine Gruppe von Intellektuellen, Studierenden und Kunstschaffenden. Sie forderten damals schon Demokratie und ein Mehrparteiensystem nach westlichem Vorbild, sowie ein Ende der ethnisch-religiösen Segmentierung.

In den ersten Jahren schien diese Bewegung bei Assad durchaus auf offene Ohren zu stoßen. Auch seine Frau umgab sich gerne mit dem Ruf, Initiatorin und Unterstützerin diverser sozialer Projekte zu sein, die letztlich auch dem Aufbau einer Zivilgesellschaft dienen sollten. 2003 und 2004 hat das Regime allerdings seine Grenzen deutlich gemacht und eine ganze Reihe namhafter Regimekritiker verhaftet. Das war für viele Syrerinnen und Syrer eine sehr große Enttäuschung, liberal denkende Intellektuelle wurden zunehmend desillusioniert. Zu den frustrierten Gebildeten kommt noch die Gruppe der Muslimbrüder, die ebenfalls 2011 in Syrien auf die Straße gingen.   


In Folge des seit 2011 andauernden Bürgerkriegs sind unzählige Menschen gestorben und viele Syrer mussten ihr Land verlassen. Leben die Exil-Syrer hier in Österreich auch nach einer ethnisch-religiösen Trennung, wie es in Syrien der Fall war?

Fartacek: Alle Interviewten bekennen sich eindeutig zu einer pluralistischen Gesellschaft und betonen, dass sie die ethnisch-religiösen Konflikte hinter sich lassen wollen. Viele meinten sinngemäß, dass sie nicht unbedingt den Kontakt zu anderen Syrern suchen, sondern hier ihr eigenes Leben aufbauen wollen.

Besorgniserregend finde ich allerdings, dass sich viele grundsätzlich weltoffene Syrer oft sehr heftig gegen „die“ Alawiten aussprechen. Für sie sind sie Teil des Regimes. Dabei wird übersehen, dass es eben auch hier viele Regimekritiker gibt, die nun Gefahr laufen, sowohl von den syrischen Behörden als auch von oppositionellen Gruppen attackiert zu werden.  

Sie fragten die Teilnehmer auch, wie sie die österreichische Bevölkerung und das Leben hier wahrnehmen.

Fartacek: Viele haben an dieser Stelle die Gelegenheit ergriffen, um sich bei den Österreichern zu bedanken und klar gemacht, dass sie sich von Islamismus und jeder Form der Radikalisierung distanzieren. Gleichzeitig meinten manche besorgt, dass sie in Wien schon radikaleren Islamisten begegnet wären, als dies in Syrien vor dem Krieg der Fall gewesen wäre.   

Was ihr Leben hier betrifft, kritisieren alle die mangelnden Arbeitsmöglichkeiten – also einerseits das weitgehende Beschäftigungsverbot für Asylwerbende und auf der anderen Seite das System der bedarfsorientierten Mindestsicherung für anerkannte Flüchtlinge. Will jemand arbeiten und etwas zum Gemeinwohl beitragen, bekommt man ihrer Ansicht nach von den österreichischen Behörden Steine in den Weg gelegt. 

Viele bezweifeln, dass man wieder zu einer friedlichen Koexistenz gelangen kann.  


Mit welchen Hoffnungen blicken die Menschen in ihre Zukunft?

Fartacek: Gut die Hälfte der Interviewpartner und Interviewpartnerinnen meint, Sie würden wieder zurückgehen, sobald in Syrien Frieden einkehrt. Allerdings halten die meisten es für unwahrscheinlich, dass dies bald der Fall sein wird. Viele nennen hier das Scheitern der Vereinten Nationen als Grund, manche verweisen auf die vielen Interessen anderer Staaten. 

Und wie stellt man sich das Zusammenleben der unterschiedlichen Gruppierungen nach dem Bürgerkrieg vor?

Fartacek: Es wird immer wieder auf lokalkulturelle Mechanismen Bezug genommen und darauf hingewiesen, dass es zwischen unterschiedlichen Großfamilien nach dem Krieg noch die ein oder andere offene Rechnung geben wird. Manche Interviewpartner/innen haben hier die Möglichkeit von Blutrache angesprochen und meinten, dass man in einer orientalischen Gesellschaft nicht einfach vergessen könne. Deshalb bezweifeln viele, dass man wieder zu einer friedlichen Koexistenz gelangen kann.  

Allerdings, und das muss man sich auch vergegenwärtigen, gibt es in Syrien auf lokalkultureller Ebene sehr wirkungsvolle Konfliktlösungsmechanismen, in denen vermittelnde Schiedsrichter und gewohnheitsrechtlich verankerte Rituale eine wichtige Rolle spielen. Das ist für mich auch ein sozialanthropologisches Resümee, dass es einerseits natürlich einer politischen Lösung bedarf. Zusätzlich braucht es aber auch lokalkulturell orientierte Vermittler und Vermittlerinnen, um nachhaltige Friedenslösungen auszuhandeln.