25.01.2018

Das demokratische Wunder

Das 100-jährige Jubiläum der Republik Österreich bietet Gelegenheit, die turbulenten Ereignisse des Jahres 1918 neu zu bewerten. Dass nämlich gerade in der ersten Phase der jungen Republik Erstaunliches gelang, erklärt ÖAW-Historikerin Heidemarie Uhl.

Bereitete die Ausrufung der Republik im Jahr 1918 den Weg in die Zukunft des Landes? Oder ist sie doch nur der Auftakt einer Chronologie des Scheiterns, die letztlich in den „Anschluss 1938“ mündete? Heidemarie Uhl, Historikerin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat dazu eine klare Meinung. Denn nach dem Ende der Habsburgermonarchie und dem Zusammenbruch des alten staatlichen Gefüges hätte Österreich leicht in Chaos und Gewalt versinken können. Stattdessen gelang, so ist sie überzeugt, eine vergleichsweise friedliche Umwandlung in eine demokratische Republik. Welche politischen Leistungen dahinter steckten und warum wir den Geist von 1918 nicht hoch genug einschätzen können, schildert Uhl im Gespräch. 

Wir feiern heuer 100 Jahre Republik. Wann genau hat denn die Republik Österreich Geburtstag?

Heidemarie Uhl: Es gibt zwei Gründungsdaten: den 30. Oktober, als eine provisorische Regierung gegründet wurde, und den 12. November, als die Republik ausgerufen wurde. Aber weder der eine noch der andere ist heute ein Nationalfeiertag.

Warum nicht?

Uhl: Das hat damit zu tun, dass die Sozialdemokratie den 12. November als Festtag für sich reklamierte und die beiden anderen Parteien der jungen Nationalversammlung, die Christlichsozialen und die Deutschnationalen, sich von 1920 an nur mehr begrenzt mit der Republik Österreich identifizieren wollten.

Österreich galt 1918 ja in weiten Teilen der Bevölkerung als nicht überlebensfähig. Heute könnte man sagen: das war ein klarer Irrtum. Oder?

Uhl: Wenn man hinterfragt, welche legitimen Optionen Österreich damals hatte, so mag eine davon durchaus gewesen sein, Teil von Deutschland zu werden. Zumindest bis zum Ende der Vertragsverhandlungen in Versailles und St. Germain war das jedenfalls nicht undenkbar. 1918 wird heute aber vielfach pauschal mit dem Beginn des Scheiterns der ersten Republik gleichgesetzt – eine Chronologie, die mit dem 12. November begann und mit dem „Anschluss“ 1938 endete.

1918 wird heute oft mit dem Beginn des Scheiterns der ersten Republik gleichgesetzt. Man könnte über 1918 aber auch eine ganz andere Geschichte erzählen. Nämlich die eines demokratischen Wunders.


Wurde diese Chronologie des Scheiterns nicht erst aus der Retrospektive über das Jahr 1918 gestülpt?

Uhl: Wir erzählen Geschichte natürlich immer ex post. Aber man könnte über 1918 auch eine ganz andere Geschichte erzählen. Nämlich die eines demokratischen Wunders, das sich in den Jahren bis 1920 abspielte.

Ein demokratisches Wunder am Ende des Ersten Weltkrieges?

Uhl: Die Umwandlung Österreichs in dieser tiefen Krisensituation verlief – im Vergleich mit anderen Ländern am Ende des Ersten Weltkrieges  – relativ unblutig. Österreich hat diese Krise tatsächlich einigermaßen gut gemanagt. Die ersten zwei Jahre der Republik waren zugleich eine formative Phase beispielsweise für die Verfassung, für politische Institutionen oder auch für das Frauenwahlrecht und soziale Errungenschaften wie Arbeitslosenversicherung und 8-Stundentag. Das alles wird erst ersichtlich, wenn man 1918 nicht in einer Chronologie des Scheiterns betrachtet, sondern in seinem Eigenwert.

Armut, Zusammenbruch der Ordnung und ein politisches Machtvakuum – eigentlich der klassische Weg hin zu einem „failed state“. Warum ist es 1918 gelungen, das abzuwenden?

Uhl: Es ist gelungen, weil die drei Parteien, die Sozialdemokraten, die Christlichsozialen und die Deutschnationalen, sich in dieser ersten Phase der Republik selbst ermächtigt und Verantwortung übernommen haben. Zunächst konstituierten sich die Abgeordneten der deutschsprachigen Wahlkreise in der Monarchie zu einer Nationalversammlung. Von da an wurde eng zusammengearbeitet, alle drei Parteien fassten so gut wie alle Beschlüsse gemeinsam. Es herrschte ein Geist der Zusammenarbeit, der quer über die politischen Lager hinweg wirkte.

Natürlich muss man sehen, dass diese Bereitschaft zur Zusammenarbeit durch eine von außen erzwungene Krisensituation bedingt war: die Sorge vor dem revolutionären Druck, die Furcht, dass die russische Revolution (von 1917, Anm.) auf Österreich überspringen könnte. Immerhin gab es ja die großen Jännerstreiks von 1918 und Rätebewegungen in Ungarn und Deutschland. Und doch ist die erste Phase der Republik ein außergewöhnlicher Moment in der Geschichte Österreichs, den man neu würdigen müsste.

Gedenkjahre sind Momente der Selbstreflexion in der Gesellschaft und bieten zugleich Gelegenheit, die Geschichte neu zu entdecken.


2018 werden mehrere Gedenkjahre begangen: 400 Jahre 30-jähriger Krieg, 170 Jahre Revolutionsjahr 1848, 100 Jahre Republik, 80 Jahre „Anschluss“ an das Dritte Reich. Welchen Sinn und welche Funktion erfüllen Gedenkjahre?

Uhl: Gedenkjahre sind Momente der Selbstreflexion in der Gesellschaft und bieten zugleich Gelegenheit, die Geschichte neu zu entdecken. Es gibt den Spruch: Jede Zeit entdeckt ihre Geschichte neu. Und genau dazu sind Gedenkjahre da: um traditionelle Geschichtserzählungen auf den Prüfstand zu stellen und das in der Geschichte zu reflektieren, was für die Gegenwart wichtig ist.

Was ist vor diesem Hintergrund vom Gedenkjahr 2018 zu erwarten?

Uhl: Im Jahr 2018 wird der große Bezugspunkt zur Vergangenheit die Demokratie sein. Nachdem Demokratie heute Gefahr läuft, rückgebaut zu werden und weil die repräsentative Demokratie immer stärker unter Legitimationsdruck steht, kann das Gedenkjahr die Frage, was unsere Demokratie ist und was sie sein soll, wieder stärker ins Bewusstsein rufen.

Ein Blick zurück auf das erste Jahrhundert der Republik Österreich: Wie steht Österreich heute im Vergleich zu 1918 da?

Uhl: Österreich ist heute einer der reichsten und sichersten Staaten. Man kann gewiss von einem Erfolgsmodell sprechen. Wenn man Österreich zugleich in seinem internationalen Umfeld betrachtet, wird klar, dass die größte Leistung der letzten 100 Jahre war, dass Europa letztlich zu einem Friedensprojekt geworden ist. Nationale Animositäten sind zu schätzenswerten nationalen Besonderheiten geworden, kulturelle Unterschiede werden nicht mehr zu Feindbildern stilisiert. Und der Garant dafür, dass Konflikte heute anders als kriegerisch ausverhandelt werden, ist die Europäische Union.