30.10.2017

Bildung schützt vor Robotern

Die voranschreitende Digitalisierung wird auch auf dem österreichischen Arbeitsmarkt Spuren hinterlassen. Für die Arbeitsplatzsicherheit der Zukunft sind umfassende Umgestaltungen im Bildungssystem erforderlich, wie eine neue Studie im Auftrag der Hannes Androsch Stiftung bei der ÖAW verdeutlicht.

Der Vormarsch digitaler Technologien in Betrieben und Organisationen stellt den Arbeitsmarkt vor Herausforderungen. Werden Maschinen, Programme und Algorithmen bald unzählige Arbeitsplätze überflüssig machen? Sind alle  Berufe und Sparten gleichermaßen betroffen? Und gibt es Wege, die Chancen der Automatisierung zu nutzen ohne gleichzeitig steigende Arbeitslosenzahlen in Kauf zu nehmen? Einen Beitrag zur Beantwortung dieser Fragen will die Hannes Androsch Stiftung bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) leisten.

In der am 30. Oktober 2017 in der ÖAW vor Journalist/innen präsentierten Studie „Bildung 2025 – Die Rolle ausreichender Basiskompetenzen in einer digitalisierten Arbeitswelt“ loteten Forscher/innen des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) im Auftrag der Hannes Androsch Stiftung bei der ÖAW auf, inwieweit Österreich für die Herausforderungen der Digitalisierung gerüstet ist.

Menschlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber Algorithmen stärken

Die Digitalisierung hat in unterschiedlichen Branchen und Tätigkeitsfeldern durchaus unterschiedliche Auswirkungen, wie Marcus Scheiblecker, Leiter des Forschungsprogramms „Österreich 2025“ in das die aktuelle Studie eingebettet ist, zunächst auf Basis volkswirtschaftlicher Daten verdeutlichte. Während im Dienstleistungssektor, insbesondere bei analytischen und interaktiven Nicht-Routinetätigkeiten die Gefahr, von Maschinen oder Programmen ersetzt zu werden, angesichts der Entwicklungen der Beschäftigungszahlen geringer erscheint, ist dieses Risiko bei manuellen Routinetätigkeiten beispielsweise in der Sachgütererzeugung, Energie- und Bauwirtschaft, deutlich höher. So seien in solchen Berufen die Beschäftigungszahlen seit den 1990er Jahren am stärksten zurückgegangen.

Verstehen, Interpretieren, Analysieren, Kommunizieren und vernetztes Denken sind jene Fähigkeiten, die erforderlich sein werden.

Arbeitnehmer/innen stellt die Digitalisierung nach Ansicht Scheibleckers daher primär vor eine Herausforderung: Sie müssen jene Eignungen mitbringen, „die sie von Robotern oder programmierten Algorithmen merklich unterscheiden“, mit denen man also über einen Wettbewerbsvorteil gegenüber technischen Systemen verfügt. „Verstehen, Interpretieren, Analysieren, Kommunizieren und vernetztes Denken sind jene Fähigkeiten, die erforderlich sein werden“, so Scheiblecker.

Lesen, Schreiben, Rechnen lernen

Die zentralen Voraussetzungen, um derartige Fähigkeiten überhaupt erwerben zu können, sind dabei, wie die Studienautor/innen betonen, die im Bildungssystem zu vermittelnden Basiskompetenzen in den Bereichen Lesen, Schreiben und Mathematik. Denn während die Entwicklung fachspezifischer Ausbildungen angesichts eines rasanten technologischen Fortschritts immer schwieriger vorhersehbar erscheint, legen Basiskompetenzen in den genannten Bereichen die Grundlage für den Aufbau von Fachwissen und ermöglichen zugleich flexible Weiterbildungen.

Umso ungünstiger ist es, wenn diese Basiskompetenzen nicht in ausreichendem Maße vermittelt werden. Was, wie beispielsweise PISA-Studien verdeutlichen, auf Österreich zutrifft. „Mit Basiskompetenzen in Österreich sieht es nicht gut aus“, stellte Scheiblecker fest. So erreiche etwa fast ein Viertel der Schüler das Lernziel der vierten Schulstufe im Bereich Mathematik nicht zur Gänze, beim sinnerfassenden Lesen betrage dieser Wert knapp 40 Prozent.

Drohender „Bildungsarmut“ entgegenwirken

Diese im internationalen Vergleich schwachen Werte gewinnen gerade in Hinblick auf die durch die Digitalisierung zu erwartenden Herausforderungen an Brisanz. „In der Digitalisierung sind wir mitten drin“, betonte Hannes Androsch an der ÖAW. Die Frage, wie sich der Arbeitsmarkt, aber auch der Wirtschafts- und Forschungsstandort Österreich in diesem Zeitalter behaupten können, ist nach Ansicht des Stifters, Industriellen und ehemaligen Finanzministers eine immer drängendere. Eine Antwort darauf liegt für Androsch zugleich klar auf der Hand: „Das wichtigste ist zeitgemäße Bildung. Von frühestem Alter an und unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Gegebenheiten, wie Ganztagsbetreuung.“ Nur so lasse sich eine drohenden „Bildungsarmut“ begegnen.

Das wichtigste ist zeitgemäße Bildung. Von frühestem Alter an.

Hier sei, wie WIFO-Chef Christoph Badelt bei der Präsentation der Studie unterstrich, die Politik am Zug. „Man muss begreifen, dass Bildung ein Hauptinstrument zur Vermeidung von Arbeitslosigkeit ist.“ Es gelte also: „In Bildung investieren, in Bildung investieren und nochmal in Bildung investieren.“ Ein Appell, dem sich auch Verena Winiwarter, Mitglied der ÖAW und Professorin an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt anschloss. Basiskompetenzen in der Bildung seien vielleicht kein sonderlich attraktives Thema, sagte sie. Ein Blick auf Wissenschaftseinrichtungen wie die ÖAW mache aber klar, warum es ein umso wichtigeres Thema sei: „Es gäbe auch keine wissenschaftliche Exzellenz, wenn nicht irgendwann Kinder in der Schule lesen, schreiben und rechnen gelernt hätten“, so Winiwarter.