09.12.2016

Bevölkerungswachstum auf der Bremse

Das erfolgreiche Umsetzen der Ziele nachhaltiger Entwicklung könnte zu einem niedrigeren Bevölkerungswachstum führen, berichteten Wiener Demographen kürzlich im Fachjournal „PNAS“. Welche Faktoren dabei ein Rolle spielen, wurde auch bei einer ÖAW-Konferenz diskutiert.

Im Jahr 1950 lebten etwas mehr als 2,5 Milliarden Menschen auf der Welt. Sechzig Jahre später waren es bereits mit knapp sieben Milliarden fast dreimal so viele. Bis 2050 könnte sich die Zahl auf bis zu 9,5 Milliarden erhöhen. Die Bevölkerung der Welt wächst also drastisch – und das ziemlich schnell. Welche Konsequenzen das hat, erklärt der Wiener Demograph Wolfgang Lutz: „Wir sehen immer deutlicher, dass die Ressourcen auf unserem Planeten begrenzt sind und mehr Menschen nicht nur mehr Nahrung, mehr Energie, mehr Wasser etc. brauchen, sondern auch gleichzeitig mehr Umwelt zerstören, mehr Wälder roden, mehr Wasser verschmutzen und mehr zur Klimaerwärmung beitragen.“

Der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), der auch Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien und Direktor des World Population Program am IIASA in Laxenburg ist, befasst sich mit seinem Team bereits seit Langem mit der Frage, welche Faktoren das Wachstum der Weltbevölkerung bremsen könnten. Eine Frage, die auch im Mittelpunkt einer internationalen Konferenz zum 60. Geburtstag des wirklichen Mitglieds der ÖAW stand, die vom 5. bis 7. Dezember in Wien stattfand.

Höhere Bildung, geringere Geburtenrate

Ein entscheidender Faktor, so waren sich die Teilnehmer/innen dort einig, ist Bildung. Das konnten Forscher rund um Wolfgang Lutz kürzlich auch in einer Publikation im Fachjournal „PNAS“ zeigen. Darin kamen sie zu dem Ergebnis, dass ein Erreichen der UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung das Bevölkerungswachstum bremsen könnte.

In der Agenda für nachhaltige Entwicklung haben 193 Staaten im Jahr 2015 vereinbart, bis 2030 insgesamt siebzehn sogenannte „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ zu erreichen. Dazu zählen die Bekämpfung von Armut, die Reduktion von Ungleichheit und Maßnahmen zum Klimaschutz. So sollen unter anderem alle Kinder besseren Zugang zu Bildung erhalten, die Kindersterblichkeit reduziert und Geschlechtergerechtigkeit implementiert werden.

Zwar wird die Bevölkerungsentwicklung nicht direkt in den Zielen der UN angesprochen, aber viele der Maßnahmen wirken sich auf sie aus. Sehr bedeutsam sei etwa ein höherer Bildungsgrad von Frauen, so die Wiener Demographen. Besonders in sich entwickelnden Ländern zeige sich, dass besser gebildete Frauen weniger Kinder bekämen: „Um Äthiopien als Beispiel zu nennen: Frauen, die nie in der Schule waren, bekommen dort im Durchschnitt sechs Kinder, Frauen, die die Mittelschule besucht haben nur zwei“, so Lutz.

Gebildete Frauen wünschten sich weniger Kinder und Bildung befähige sie, diesem Wunsch auch zu entsprechen, sich gegen traditionelle Normen durchzusetzen und die Anzahl von Schwangerschaften bewusst selbst zu bestimmen. Gemeinsam mit einem umfassenderen Zugang zur Fortpflanzungsmedizin, würde das insgesamt zu einer geringeren Fertilität führen.

Bevölkerungsdynamiken bis 2100

Die Forscher gehen in ihrer Studie davon aus, dass bei einem erfolgreichen Umsetzen der Nachhaltigkeitsziele bis zum Jahr 2030 das Bevölkerungswachstum sich langfristig verringern könnte. Bis zur Mitte des Jahrhunderts käme es zu einem weiteren Anstieg, bis 2100 könne sich die Weltbevölkerung dann aber zwischen 8,2 bis 8,7 Milliarden Menschen einpendeln. Damit läge sie zwar über dem heutigen Wert, aber weit unterhalb der mittleren Bevölkerungsprognose der UN, die für 2100 rund 11 Milliarden Menschen vorhersagt.