30.11.2017

Aus Sorge um Europas Erbe

Initiativen zur Erforschung und Erhaltung des kulturellen Erbes gewinnen in ganz Europa an Bedeutung. Vor Beginn des Europäischen Kulturerbejahres 2018 widmeten sich die „Heritage Science Days“ unter Beteiligung der ÖAW den Möglichkeiten und Herausforderungen dieser wichtigen Aufgabe zwischen Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft.

Es bereichert unser Zusammenleben, schafft Wohlstand und ist Fundament für Innovation und Einfallsreichtum: das gemeinsame kulturelle Erbe. Gerade für eine „Kultur-Supermacht“ wie Europa ist es eine zentrale Frage, ob und wie es gelingt, dieses Erbe zu bewahren, zu nutzen und für Öffentlichkeit und Wissenschaft zugänglich zu machen. Eine Aufgabe, der sich Wissenschaftler/innen in Europas Museen, Galerien, Bibliotheken, Archiven, Universitäten und Forschungseinrichtungen seit rund einem Jahrzehnt unter dem Begriff „Heritage Science“ stellen. Ausgebildet und hochspezialisiert in unterschiedlichsten Disziplinen, erforschen sie mit modernsten Methoden das kulturelle Erbe, um es für die Gegenwart zu erschließen und für die Nachwelt zu bewahren.

Dem Ziel, diese Aktivitäten zu bündeln und stärker zu vernetzen, verschrieben sich das Kunsthistorische Museum Wien (KHM), die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und die Technische Universität Wien mit den „Heritage Science Days“. Dabei konnte vom 22. bis 24. November 2017 in Wien neben den vielfältigen Möglichkeiten, die Heritage Science für Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft bieten, auch aufgezeigt werden, welche Herausforderungen in diesem multidisziplinären Feld noch zu bewältigen sind.

Mangel an Ressourcen

“In Österreich ist immer die Rede von Kultur, Kultur, Kultur. Aber sobald es um deren Erforschung geht, wird es schwierig“, hielt Eva Blimlinger bei der die mehrtägige Veranstaltung beschließenden Podiumsdiskussion an der ÖAW zunächst kritisch fest. Das Problem, mit dem sich viele Einrichtungen im Bereich Heritage Science konfrontiert sehen, ist dabei ist vor allem eines der Ressourcen.

Unsere Museen, Archive und Bibliotheken sind voll von außergewöhnlichen Kulturgütern. Aber nur wenige wissen davon.

Einerseits bestehe ein Mangel hinsichtlich finanzieller Ressourcen, die erforderlich sind, um beispielsweise Langzeitstudien durchführen zu können. „Unsere Museen, Archive und Bibliotheken sind voll von außergewöhnlichen Kulturgütern. Aber nur wenige wissen davon“, unterstrich ÖAW-Vizepräsident Michael Alram bei der Podiumsdiskussion die Bedeutung von Langzeitprojekten. „Die Mittel, die Museen erhalten, sind relativ stabil“, schilderte KHM-Chefin Sabine Haag, „doch während früher viel Geld für die Forschung bereitgestellt wurde, wird inzwischen zunehmend in PR-Aktivitäten investiert.“  Und auch Klement Tockner, Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, meldete ernüchternd: „Wir haben jedes Jahr rund 1.500 hervorragende Wissenschaftler/innen, deren Forschungsprojekte wir nicht finanzieren können.“

Gefahr für die Karriere

Mit einem Mangel an Ressourcen haben die Heritage Sciences indes auch in personeller Hinsicht zu kämpfen. Denn während die Beschäftigung mit dem kulturellen Erbe gerade in Europa eine lange Tradition hat, gilt Heritage Science als noch nicht allseits anerkanntes Betätigungsfeld der wissenschaftlichen Forschung. „Dabei braucht es gerade in der Heritage Science“, wie ÖAW-Mitglied Bernhard Palme betonte, „hoch spezialisierte Expert/innen, um kulturelle Güter wie beispielsweise diplomatische historische Schriftstücke verstehen und in einen Kontext einordnen zu können“. Die Schwierigkeit liege derzeit aber darin, dass es „gefährlich für die wissenschaftliche Karriere sein könnte, zu viele Jahre mit derartigen Forschungen zu verbringen“, so der Papyrologe von der Österreichischen Nationalbibliothek weiter.

Wir brauchen hoch spezialisierte Expert/innen, um kulturelle Güter verstehen und in einen Kontext einordnen zu können.

Um diesen Herausforderungen beizukommen, bieten sich nach Ansicht der Teilnehmer/innen der Podiumsdiskussion unterschiedliche Wege. Während man beispielsweise mit der Schaffung einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin die Anerkennung dieses Feldes gewährleisten könne, könne die finanzielle Frage nur gemeinsam mit Öffentlichkeit und Politik gelöst werden.

Dazu müsse in einem ersten Schritt freilich die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema geweckt werden. Ein Ziel, für das die Rahmenbedingungen im kommenden Jahr geradezu ideal erscheinen. Denn Österreich übernimmt die EU-Präsidentschaft im Europäischen Kulturerbejahr 2018. „Alles, was Österreich auf dem Gebiet der Heritage Science im kommenden Jahr umsetzt“, zeigte sich Luca Pezzati überzeugt, „werde zur Botschaft der Cultural Heritage in ganz Europa“. Denn schließlich müsse, wie der Koordinator der European Research Infrastructure for Heritage Science (E-RIHS) unterstreicht, gerade Europa erkennen, dass es Sinn macht, „in ein Feld zu investieren, in dem man eine klare globale Führungsrolle hat: das gemeinsame kulturelle Erbe.“