08.09.2016

AUS DEN FLUCHTBEWEGUNGEN DER VERGANGENHEIT LERNEN

Die Migrationsexpertin Dawn Chatty im Gespräch über Fluchtbewegungen in der Geschichte Europas, die Gefahr eines „Brain Drain“ in den Herkunftsländern von Geflüchteten und zur Frage, was die Wissenschaft tun kann. Chatty war auf Einladung von ÖAW und Universität Wien bei der kommenden Jahrestagung der Migrations- und Integrationsforschung in Österreich zu Gast.

Kaum etwas hat Europa in den vergangenen Monaten so sehr bewegt, wie die Flüchtlingsthematik. Doch Migration und Integration stehen nicht erst seit der großen Fluchtbewegung aus Kriegsgebieten im vergangenen Jahr im Fokus der Forschung. Bereits zum vierten Mal luden daher die Österreichische Akademie der Wissenschaften und die Universität Wien zur „Jahrestagung Migrations- und Integrationsforschung“ internationale Expert/innen nach Wien ein, um die globale als auch historische Dimension von Flucht und Migration sowie ihre verschiedenen Aspekte, etwa die Darstellung von Migrant/innen in den Medien oder die Sichtweisen der Flüchtenden selbst, wissenschaftlich zu beleuchten.

Keynote-Sprecherin der diesjährigen Konferenz war die Anthropologin und Migrationsexpertin Dawn Chatty. In einem E-Mail-Interview erzählte die ehemalige Direktorin des „Refugee Studies Centre“ der Universität Oxford, was Europa aus den Fluchtbewegungen der Vergangenheit lernen kann, welche Auswirkungen erzwungene Migration auf die Herkunftsländer der Geflüchteten hat und wie Wissenschaft und Forschung zum Umgang mit dem aktuellen Herausforderungen beitragen könnten.

Derzeit kommen viele Menschen auf ihrer Flucht nach Europa. Das ist in der Geschichte des Kontinents aber nicht das erste Mal. Was können wir aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen?

Nehmen wir als Beispiele die ungarische Flüchtlingskrise von 1956/57 und den Bosnien-Konflikt in den 1990er-Jahren. In beiden Fällen wurde den Flüchtenden Asyl oder temporärer Schutz gewährt. Die Geflüchteten aus Ungarn wollten nicht mehr zurück in ein Land, das sich unter sowjetischem Einfluss befand und wurden in Europa und den USA aufgenommen. Die Bosnier suchten ebenfalls Asyl, aber nur vorläufig bis in ihrer Heimat wieder Frieden einkehrte. Großbritannien hat damals allein in einem Jahr 75.000 Bosnier/innen aufgenommen. Die meisten davon sind inzwischen wieder zurückgekehrt. Der Schlüssel zur Lösung solcher Herausforderungen ist eine europäische Lastenteilung.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gab es viele Flüchtlinge. Was ist der Unterschied zur heutigen Situation?

Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Millionen sogenannter „displaced persons“, die auf ganz Europa, den Balkan und den Mittleren Osten verteilt waren. Ja, es gab sogar polnische Flüchtlinge im Libanon. Sie alle wurden in einem Zeitraum von vier bis fünf Jahren neu angesiedelt. Hauptsächlich in Europa, aber auch im Mittleren Osten und Nordamerika. Zu dieser Zeit benötigten Geflüchtete lediglich Reisedokumente. Wenn sie in ihrem neuen Heimatland ankamen, begannen sie sofort nach Arbeit zu suchen, um sich selbst und ihre Familien versorgen zu können. Faktisch wurde zwischen der Notlage von Wirtschaftsflüchtlingen und Kriegsflüchtlingen nicht unterschieden.

Was bedeutet es langfristig für ein Land, wenn sich seine Menschen gezwungen sehen, es zu verlassen?

Es findet ein „Brain Drain“ statt. Denn im Allgemeinen sind es gut ausgebildete Personen sowie Angehörige der Mittelschicht die bei einem Konflikt als Erste das Land verlassen und Unterstützung als auch Arbeit im Ausland finden. Für deren Heimatländer bedeutet das einen Verlust von Fachkräften. Zumal es unwahrscheinlich ist, dass die Ausgewanderten in ihre Heimat zurückkehren, wenn dort wieder Frieden herrscht. In manchen Fällen, wie im Irak, ist eine Rückkehr auch nach dem Kriegsende keine Option für die Geflohenen, da die neue Regierung kein Interesse an einer Aufnahme sunnitischer Muslime hat.

Derzeit richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem auf Kriegsflüchtlinge. Aber es gibt auch andere Gründe für Flucht. Wie ist die Lage für Menschen, die etwa vor den Auswirkungen des Klimawandels fliehen? Stehen sie auch unter dem Schutz der Genfer Flüchtlingskonvention?

Die UN-Definition für Flüchtlinge erstreckt sich nicht auf Personen, die gezwungen sind, aufgrund des Klimawandels zu flüchten. Im Mittelpunkt stehen Menschen, die den Schutz ihrer Regierungen verloren haben und über keine andere Form des politischen Schutzes verfügen. Die Begriffe „Klimaflüchtling“ oder „Umweltflüchtling“ sind sehr umstrittenen.      

Welchen Beitrag können Wissenschaft und Forschung Ihrer Meinung nach leisten, um mit der  aktuellen sogenannten „Flüchtlingskrise“ umzugehen?

Wissenschaft und Forschung könnten bei der Verteilung von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Europa helfen, damit einzelne Gemeinden oder Städte nicht überfordert werden. Bei einer Gesamtbevölkerung von über 500 Millionen Menschen sind die Aufnahme und der temporäre Schutz von ein bis zwei Millionen Flüchtlingen in Europa durchaus möglich. Wissenschaft und Forschung könnten auch dazu beitragen, Europas Bedarf an Fachkräften mit den Qualifikationen von Flüchtlingen abzugleichen. Das würde für die Integration von Menschen, die flüchten mussten, hilfreich sein.