05.12.2017

ARCHÄOLOGIE AUF SCHLACHTFELDERN

Ob Dreißigjähriger Krieg oder Napoleon in Aspern: Bioarchäologische Untersuchungen von Massengräbern aus historischen Schlachten geben Einblicke in die brutalen Lebensbedingungen der Soldaten von damals. Was die Funde erzählen, erklären die ÖAW-Forscherin Michaela Binder und ihre deutsche Kollegin Nicole Nicklisch.

2011 wurde ein Massengrab mit 47 Skeletten aus der Schlacht von Lützen entdeckt. Der Ort in der Nähe von Leipzig steht für eine der blutigsten Schlachten des Dreißigjährigen Kriegs. Um das Grab nicht zu zerstören, wurde es im Block geborgen und anschließend im Landesmuseum Halle an der Saale von einem deutsch-österreichischen Team um die Anthropologin Nicole Nicklisch untersucht.

Im Mai 1809 hat Napoleon seine erste große Niederlage im Krieg gegen die Habsburger-Armee erlitten. Mehr als 50.000 Menschen kamen bei dieser blutigen Schlacht von Aspern ums Leben. Das einstige Schlachtfeld wurde bei Bauarbeiten für die heutige Seestadt Aspern von der Stadtarchäologie Wien freigelegt. Die Archäologin Michaela Binder analysiert die Skelette einiger Soldaten im bioarchäologischen Labor des Österreichischen Archäologischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Zwei Schlachten, zwei Forschungsstationen: Was vergangene Konflikte und heutige Forschung über die menschlichen Verluste von Kriegen als auch über den gewaltvollen und kräftezehrenden Alltag damaliger Soldaten erzählen, erklären Michaela Binder und Nicole Nicklisch im Interview.

Frau Binder, was wollen Sie anhand der Skelette von Aspern herausfinden?

Michaela Binder: Wir haben schon vor den Bauarbeiten in Aspern erwartet, dass wir in dieser Gegend Überreste von Soldaten finden werden, denn es gibt einige Aufzeichnungen und Karten über die Schlacht und so wissen wir, wo diese stattgefunden hat. Außerdem wurden in dem Gebiet auch schon bei früheren Bauarbeiten immer wieder Gräber gefunden. Wir wollen verhindern, dass dieser Teil der Geschichte in Vergessenheit gerät und wollen mehr über die Menschen, die dort gestorben sind, herausfinden.

Das durchschnittliche Sterbealter lag bei nur 20 bis 25 Jahren.

Zuerst haben wir die Skelette auf die Basisdaten, wie Alter oder Geschlecht, untersucht und anschließend versucht, mehr über das Leben und den Tod der Soldaten herauszufinden. So haben wir viele Anzeichen für Infektionskrankheiten, Mangelernährung, schlechte Zahngesundheit oder Gelenksveränderungen gefunden. Das durchschnittliche Sterbealter lag bei nur 20 bis 25 Jahren.

Frau Nicklisch, was ist das Ziel ihrer Untersuchungen zur Schlacht von Lützen?

Nicole Niklisch: Die historischen Berichte über die Schlacht sind lückenhaft und der Wahrheitsgehalt nicht immer zweifelsfrei. Daher ist es schwierig den genauen Schlachtverlauf zu rekonstruieren. Hier helfen archäologische Funde, wie etwa die Munition. An der Verteilung der gefundenen Kugeln kann man abschätzen, welche Kampfaufstellungen möglicherweise gebildet wurden.

Ziel der Untersuchung des Massengrabes war dann zum einen, die Verletzungsmuster und möglichen Todesursachen zu bestimmen um damit einen Beitrag zur Rekonstruktion des Schlachtverlaufs zu leisten, zum anderen, mehr über die Lebensbedingungen der Soldaten zu erfahren.

Wie gehen Sie bei der Untersuchung der Funde vor?

Nicklisch: Die Skelette wurden morphologisch auf Alter, Geschlecht, Körperhöhe und Verletzungen hin untersucht. Zudem wurden Proben für DNA und Isotopen-Analysen genommen. Durch die Untersuchung der Strontium- und Sauerstoffisotope konnten wir mehr über die Herkunft der Soldaten erfahren und mit Hilfe der Kohlenstoff-/Stickstoff-Isotopie die Ernährung rekonstruieren.

Wie muss man sich das Leben der damaligen Soldaten vorstellen? Litten sie unter Erkrankungen? Wie war die Ernährungslage?

Nicklisch: Wir fanden etwa verheilte Knochenbrüche, Knochenentzündungen auf Grund von Verletzungen aus früheren Kämpfen, Zahnerkrankungen sowie Hinweise auf Syphilis und Parasitenbefall.

Wir haben etwa einen richtigen „Haudegen“ gefunden, der sehr viele verheilte Schädelverletzungen hatte und sich sehr proteinreich ernährt hat.

Bei der Ernährung haben wir Anzeichen von Mangelernährung wie Vitamin C-Mangel festgestellt. Die Isotopendaten zeigen, dass die Soldaten nicht alle die gleiche Nahrung zu sich genommen haben. Einige hatten einen recht hohen Stickstoffgehalt, was darauf hinweist, dass diese sehr proteinreich gegessen haben. Andere wiederum hatten einen deutlich niedrigeren Gehalt. Besonders interessant ist, sich einzelne Individuen näher anzuschauen. Wir haben etwa einen richtigen „Haudegen“ gefunden, der sehr viele verheilte Schädelverletzungen hatte und sich sehr proteinreich ernährt hat.

Bezüglich der Todesursachen konnten außergewöhnlich viele Kopfschussverletzungen festgestellt werden. Die Analyse der Bleikugeln lässt vermuten, dass viele der Männer – möglicherweise Infanteristen – von einer Kavallerie-Einheit angegriffen und getötet wurden.

Das waren keine fitten, starken Soldaten, sondern kranke Männer.

Gab es etwas, das Sie während der Arbeit bei den Aspern-Funden besonders überrascht hat?

Binder: Mich hat überrascht, in welch schlechtem gesundheitlichen Zustand die Soldaten waren. Das gibt einem schon zu denken. Viele der Männer waren richtig krank, als sie in die Schlacht gezogen sind. Das waren keine fitten, starken Soldaten, sondern kranke Männer mit chronischen Krankheiten und vielen Verletzungen, wie etwa Fußverletzungen, die durch das lange Marschieren entstanden sind.