22.09.2015

An der Wiege des Staates

Wie im 19. Jahrhundert am Balkan neue Staaten geboren wurden, untersucht das ÖAW-Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung in einem FWF-Projekt.

Ob Flüchtlingsströme, Hungersnöte, Krieg oder Terrorismus – hinter den großen politischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stehen oft „schwache“ oder „gescheiterte“ Staaten, die die Kontrolle über wesentliche Bereiche auf ihrem Territorium verloren haben. Ein gescheiterter Staat kann keine funktionierende Infrastruktur oder Rechtsprechung mehr gewährleisten und gefährdet zudem die Stabilität der Nachbarländer. Der bekannte Politologe Francis Fukuyama hat daher „state-building“ als „eine der wichtigsten Aufgaben der Weltgemeinschaft“ bezeichnet. Denn nur ein intakter und stabiler Staat kann Frieden, Demokratie, den Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und eine planbare Zukunft für seine Bürger/innen garantieren.  

Entstehung und Untergang

Doch „state-building“ ist kein neues Phänomen, wie eine soeben angelaufene Studie am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung (INZ) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zeigt. Sie beleuchtet den Aufbau so genannter Nationalstaaten in Südosteuropa und deren Entwicklung im 19. Jahrhundert. Denn die politische Landkarte in der Region des ehemaligen Jugoslawiens bietet besonders anschauliche Beispiele für die rasante Geburt neuer Staaten – aber auch für deren katastrophalen Untergang.

So hat es im 19. und 20. Jahrhundert am Balkan mehrere staatliche Transformationen gegeben. Zunächst gingen aus den Verlusten des Osmanischen Reiches sechs „Nationalstaaten“ in der Region hervor:  Serbien, Griechenland, Rumänien, Montenegro, Bulgarien und Albanien. Diese Staatsbildungen waren von Anfang an und in hohem Masse von den Interessen der europäischen Großmächte beeinflusst. Nicht zuletzt die Habsburgermonarchie versuchte immer wieder, wie im Falle der Okkupation Bosniens und der Herzegowina im Jahr 1878, ihren Einfluss in diese Region auszuweiten.
Das Ende des Ersten Weltkriegs brachte eine erneute staatliche Transformation: Aus Serbien, Montenegro und Teilen der untergegangenen Habsburgermonarchie entstand Jugoslawien – anfangs als Königreich, später als sozialistische Republik. Der gewaltvolle Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren brachte einen weiteren, den vorläufig letzten, Wandel und hat eine fragmentierte Staatenlandschaft hinterlassen, in der der Prozess des „state-building“ bis heute nicht abgeschlossen ist.

Archive von Istanbul über Sarajevo bis Wien

Im Mittelpunkt der Langzeitstudie „Staatsbildung und Lokalverwaltung in imperialen Grenzräumen“ steht aber vor allem die Zeit von 1800 bis 1900. Projektleiter Michael Portmann vom INZ: „Wir untersuchen eine große Vielfalt amtlicher Dokumente aus dieser Zeit, um ein empirisch belegtes Bild von der politischen Situation in Südosteuropa zu erhalten. Besonders die Jahre 1800, 1850 und 1900 dienen als Fixpunkte, an denen wir das Archiv-Material aus dem gesamten Forschungsgebiet synchron und diachron miteinander vergleichen können.“

Portmann und seine Mitarbeiter werten dafür in den Archiven Istanbuls, Sarajevos, Belgrads und Wiens systematisch Erlasse, Statistiken, Berichte der Stadtverwaltungen und Gerichtsquellen aus. Stück für Stück entstehen so vor den Augen der Forscher/innen erneut die damaligen Staaten: Wie wurde die administrative und steuerliche Verwaltung aufgebaut? Wie die Polizei, das Schul- oder Gesundheitswesen organisiert? Welche Maßnahmen wurden für Verkehrs- und Stadtentwicklung getroffen?

Es ist das Innovative des methodischen Ansatzes dieser Studie, dass sie bei der Alltagsrealität auf lokaler Ebene, also bottom-up, beginnt und nicht ausschließlich top-down aus der Vogelperspektive auf die Entstehung der Staaten am Balkan blickt. Dadurch werden die historischen Dynamiken, die Widersprüche und die Interaktionen der unterschiedlichen Akteure im Staatsbildungsprozess besser sichtbar. Was dadurch entsteht ist nicht nur ein differenziertes Bild von der Staatsentstehung am Balkan des 19. Jahrhunderts, sondern auch eine innovative Historiografie, welche die Mikro- und Makroebene geschichtlicher Prozesse miteinander verbindet.

Wie Staaten scheitern

Das Forschungsprojekt, das die Jury des Wissenschaftsfonds FWF mit einer Förderung über drei Jahre prämiert hat, läuft noch bis 2018. Doch bereits jetzt ist deutlich, dass das Wissen über Staatsbildungen in der Geschichte und den damit verbundenen strukturellen Herausforderungen auch für die Gegenwart gewinnbringend ist. Denn: „Der historisch-vergleichende Blick auf den Aufbau von Nationalstaaten in Südosteuropa im 19. Jahrhundert kann dazu beitragen, aufzuzeigen, wie Staaten scheitern, und dadurch heutige ‚Staatsarchitekten’ auf mögliche Hindernisse aufmerksam machen.“