16.04.2015

41 Tage vor Kriegsende

Eine Ausstellung thematisiert die Verdichtung der Gewalt in den letzten 41 Tagen des Zweiten Weltkriegs in Österreich.

Sechs Wochen vor Ende des Zweiten Weltkriegs ereigneten sich vielerorts in Österreich Gewaltexzesse. Mit dem Herannahen der Front – die Rote Armee hatte Ende März 1945 burgenländischen Boden betreten – ordnete das Naziregime eine Politik der verbrannten Erde an. Die Tage der NS-Herrschaft waren gezählt, und dennoch fühlten sich lokale Mächte des Regimes noch einmal stark gegen Juden, Roma, Sinti, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und Regimegegner. Danach folgte kollektives Schweigen. Erst Jahrzehnte später richtete die Forschung den Blick auf jene Gräueltaten  der letzten Kriegstage, denen 30.000 Zivilisten zum Opfer fielen.

Mit der Ausstellung „41 Tage“ am Wiener Heldenplatz und in der Krypta im Äußeren Burgtor wird öffentlich gezeigt, was sich in der Geschichtsforschung immer deutlicher herauskristallisiert: „Diese Grausamkeiten waren keine lokalen Einzelereignisse im allgemeinen Chaos. Sie wurden mit System begangen und werden heute als Endphaseverbrechen bezeichnet“, erklärt die Historikerin Heidemarie Uhl vom Team der Ausstellungsmacher/innen. „41 Tage“ beleuchtet exemplarisch zwölf Orte der Gewaltverbrechen sowie die Situation in Wien. Zwölf Litfaßsäulen – für zwölf Orte –  erinnern am Heldenplatz an jene Menschen, die bei Todesmärschen, Deserteurs-Erschießungen, durch Lynchjustiz und nach Todeslisten ermordet wurden. In der Krypta im Äußeren Burgtor geht es um einen neuen Blick auf Wien, abseits von dominierenden Opfer-Narrativen.

Forschungsarbeit legt die Basis
Die Ausstellung ist das Ergebnis einer Forschungskooperation der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) mit der Universität Graz und dem Verteidigungsministerium (BMLVS). Für das Historiker/innenteam, Heidemarie Uhl vom ÖAW-Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, Georg Hoffmann vom Institut für Geschichte der Universität Graz, Dieter A. Binder, Vorsitzender  der Militärhistorischen Denkmalkommission und Kuratorin Monika Sommer, ist es ein zentrales Anliegen, die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kriegsende 1945 in Gang zu bringen. Ergänzend zur Ausstellung gibt es deshalb ein ausführliches Vortrags- und Vermittlungsprogramm.

 „41 Tage“ wird am 16. April 2015 von Bundespräsident Heinz Fischer und  Minister Josef Ostermayer in einer öffentlichen Veranstaltung eröffnet. Die zwölf Litfaßsäulen im öffentlichen Raum ziehen mit einem großformatigen Foto des heutigen Erscheinungsbildes der Orte damaliger Gewalt die Aufmerksamkeit auf sich. Sie wurden vom Künstlerfotografen Stefan Oláh aufgenommenen und „sollen das visuell tragende Element mit Konnex zur Gegenwart sein“, so Kuratorin Monika Sommer. „Die Darstellung der Tragödien muss die Pietät der Opfer im Blick haben. Deshalb sind die historischen Bilder der Gewalt nicht plakativ vergrößert. Sie werden ergänzt durch Texte und eine Österreich-Karte, die auf die Präsenz der Alliierten an diesem Tag verweist“, erklärt Monika Sommer. Die zwölf Säulen stehen beispielhaft für mehr als hundert Orte an denen die Verdichtung der Gewalt stattgefunden hat. Sie decken vier verschiedene Gewalt-Kategorien ab: Todesmärsche, denen 26.000 Menschen zum Opfer gefallen sind, Deserteurs-Erschießungen, Fliegerlynchjustiz, Ermordung von Menschen, die Widerstand leisteten. Mit Todeslisten wurde nach  NS-Gegner/inne/n  gefahndet, ihre Ermordung  sollte garantieren, dass die Kräfte der Regimegegner/innen beim Aufbau des neuen Staates nicht zur Verfügung stehen würden.

In der Krypta im Äußeren Burgtor, das den Heldenplatz zur Ringstraße hin abschließt, geht es um Wien. Wenn vom Kriegsende in Wien die Rede ist, dann betonen Zeitzeugenberichte meist die Leiden der Bevölkerung durch Bomben und Übergriffe der Roten Armee. „Verschwiegen wird beispielsweise, dass sich die Gestapo in den Kellern des jüdischen Ältestenrates in der Seitenstettengasse in Sicherheit brachte, während aus der „Volksgemeinschaft“ Ausgeschlossene nicht einmal Luftschutzkeller betreten durften. Es ist auch kaum bewusst,  dass der Stephansdom nicht durch Bomben, sondern durch Funkenflug nach Plünderungen Feuer fing oder dass zu Boden kommende alliierte Flugzeugbesatzungen der erbarmungslosen Lynchjustiz ausgesetzt waren“, beschreibt Georg Hoffmann die Situation in Wien. Erstmals wird auf Basis seiner aktuellen Forschungsarbeit und eines in Kürze erscheinenden Buches die Fliegerlynchjustiz öffentlich thematisiert. Nach wie vor entzünden sich an diesem Thema Kontroversen, und nach wie vor werden Bombenopfer und gelynchte Piloten gegeneinander aufgerechnet.

Auch weitere, bislang wenig präsente Aspekte der letzten Kriegswochen kommen in der Ausstellung – als der Gewalt entgegenwirkende Akte – ebenfalls zur Sprache: Tausende Wehrmacht-Soldaten legten bereits im April die Uniform ab. Viele Menschen bekannten darüber hinaus in privaten Aufzeichnungen, wie etwa die Auswertung von Tagebüchern zeigt, dass sie mit großer Erleichterung dem Ende des Krieges und der nahen Befreiung entgegen sahen. „In diesem Sinne ist die Ausstellung nicht nur eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Verdichtung der Gewalt bis zum 8. Mai 1945, sondern auch eine längst fällige  Wertschätzung der Befreier“, resümiert Heidemarie Uhl.

Eröffnung: 16. April 2015 13:00 Uhr

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