15.12.2022

Münzkunde auf dem Weg zur Wissenschaft

Der Numismatiker Joseph Eckhel

 

Für Münzbegeisterte ist er eine Kultfigur: Joseph Eckhel (1737-1798) gilt als »Vater der Numismatik«. Über sein Leben, seine Persönlichkeit und die Hintergründe seiner Forschungen wusste man bisher jedoch erstaunlich wenig. Diese Forschungslücke haben Bernhard Woytek, stellvertretender Leiter der Abteilung Altertumswissenschaften am ÖAI der ÖAW, und die an der Abteilung tätige Numismatikerin und Archäologin Daniela Williams nun mit ihrem neuen Sammelband »Ars critica numaria« geschlossen.

Vielleicht haben Sie sich schon einmal gefragt, wer die Zeitgenossen sind, die am Sockel des Maria-Theresien-Denkmals, das zwischen dem Naturhistorischen und dem Kunsthistorischen Museum in Wien steht, zu sehen sind? Die Bereiche Wissenschaft und Kunst werden unter anderem repräsentiert durch den Arzt Gerard van Swieten, die Komponisten Christoph Willibald Gluck, Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart. Alles bekannte Namen. Aber, wer ist Joseph Eckhel?

1737 in Enzesfeld, Niederösterreich, geboren ist Eckhel eine Kultfigur der antiken Numismatik. Er gilt als Begründer der Münzkunde als Wissenschaft, in seinem achtbändigen Hauptwerk »Doctrina numorum veterum« (für das er ursprünglich den Titel »Ars critica numaria« vorgesehen hatte) präsentierte er sein neues Ordnungssystem für griechische und römische Münzen. Eckhel erhielt seine Schulausbildung von den Jesuiten, schloss sich dem Orden an, und dort wurde auch sein Interesse an der Münzkunde geweckt, auf die er sich schließlich spezialisierte. Seine Forschungen führten ihn später auf eine Italienreise nach Bologna, Rom und Florenz. Als er 1774 nach Wien zurückkehrte, war sein Orden aufgelöst worden. Der Priester suchte einen neuen Job – und wurde Kurator der antiken Münzen im kaiserlichen Münzkabinett von Regentin Maria Theresia (heute finden sich diese Schätze im Kunsthistorischen Museum).

Obwohl Eckhel seit dem 19. Jahrhundert als »Vater der Numismatik« gefeiert wurde, wurden Leben und Werk dieses bedeutenden Wissenschaftlers bis heute nicht kritisch analysiert. Diese Forschungslücke haben Bernhard Woytek, stellvertretender Leiter der Abteilung Altertumswissenschaften am ÖAI der ÖAW, und die Numismatikerin und Archäologin Daniela Williams nun mit ihrem Sammelband »Ars critica numaria« geschlossen. Als E-Book steht er zum Gratis-Download bereit: er enthält etwa 20 Beiträge internationaler Expert:innen zu unterschiedlichen Aspekten von Eckhels Biographie und seinen Werken.

 

Warum weiß man so wenig über das Leben von Joseph Eckhel?

Bernhard Woytek: Eckhel wird als Gründervater der antiken Numismatik verehrt, schon seine Zeitgenossen haben ihn sehr geschätzt. Im 19. Jahrhundert setzte ein regelrechter Eckhel-Kult ein. Man hat seine Werke intensiv gelesen, aber aus Gründen, die für uns schwer zu verstehen sind, hat es nie eine kritische wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seiner Persönlichkeit und seinem Wirken gegeben. Das war eine Forschungslücke, in die wir gestoßen sind. Wir haben eine neue Quelle erschlossen, indem wir uns seine wissenschaftliche Korrespondenz angesehen und diese transkribiert und kommentiert haben.

Daniela Williams: Von Zeitgenossen wird er als liebenswürdig, witzig und geistreich beschrieben. Es sind keine privaten Briefe aus Eckhels Korrespondenz erhalten, aber selbst jene an befreundete Wissenschaftler erlauben uns gelegentlich einen Blick auf seine Persönlichkeit.

Woytek: Aus ihnen geht hervor, dass er ein Mann voll Esprit und Wortwitz gewesen sein muss ­­– abgesehen von seiner enormen humanistischen Bildung. Er war beliebt bei vielen Kollegen und Freunden. Aber er war natürlich auch ein absolutes Arbeitstier.

 

Gibt es konkrete Beispiele für seine Scharfzüngigkeit?

Williams: Eine Münzsammlerin aus Deutschland, Gräfin Bentinck, schickte einen Brief an den Münzkenner in Wien. Er stellte aufgrund ihrer Beschreibungen fest, dass viele ihrer Münzen Fälschungen sein mussten. Und spielte im Antwortschreiben ironisch mit seiner Rolle als Priester: die Gräfin habe ihm numismatische Todsünden gebeichtet, und er als ihr Beichtvater müsse noch überlegen, ob sie mit einer leichten Buße davonkommen werde.

Woytek: Eckhel war ein kritischer Geist, in jeder Hinsicht. Die meisten Bücher hat er auf Latein verfasst, eine Ausnahme ist ein kleines Einführungswerk auf Deutsch, ein Lehrbuch für Studierende an der Universität Wien, wo er Numismatik unterrichtet hat. Da spöttelt er etwa über die byzantinischen Kaiser, dass sie sich theologischenGrübeleien hingegeben und einander imEifer des Herrn gegenseitig die Augen ausgestochen haben. Das sind Töne, wie man sie von einem Priester nicht erwarten würde. Eckhel war keineswegs ein verknöcherter, strikt religiöser Gelehrter. Er hatte eine kritische Distanz zu vielen Dingen, ganz im Sinne des Zeitalters der Aufklärung, auch als „Zeitalter der Kritik“ bekannt.

 

Was war seine Aufgabe im kaiserlichen Münzkabinett?

Woytek: Die Münzsammlung der Habsburger war im 18. Jahrhundert eine der wichtigsten auf der ganzen Welt. Eckhel hat binnen weniger Jahre sämtliche antike Münzen nach einem neuen System geordnet, das er zum Teil selbst entwickelt hat. Und er hat diese neue Ordnung zuerst in einem großen zweibändigen Katalog dargelegt, der 1779 publiziert wurde – nur fünf Jahre nachdem er seinen Dienst im Münzkabinett angetreten hatte. Das war sein wichtigster Schritt zu wissenschaftlichem Weltruhm.

Williams: Er hat aber auch Forscher und andere Besucher in der Sammlung empfangen. Das Wiener Münzkabinett war durchaus ein Ort für Gastforscher:innen, wie wir das heute nennen würden. Aber auch für Reisende, die in Europa unterwegs waren, wie Adelige oder Münzliebhaber:innen. Eckhel gab regelmäßig Führungen und er hat viele Forschende geprägt. Die Idee, dass er allein im sprichwörtlichen Elfenbeinturm der Wissenschaft saß und Münzen neu ordnete, stimmt einfach nicht.

Woytek: Unser Ansatz war, Eckhel zu kontextualisieren und in der europäischen Republik der gelehrten Numismatiker präzise zu verorten. Bisher wurde er zu oft als isolierte Erscheinung wahrgenommen. Wir wollen zeigen, welche Einflüsse er ausgeübt hat, aber vor allem auch, welche Einflüsse auf ihn gewirkt haben.

 

Publikation

WOYTEK Bernhard (Hg.) | WILLIAMS Daniela (Hg.)
Ars critica numaria. Joseph Eckhel (1737‒1789) and the Transformation of Ancient Numismatics
Veröffentlichungen zur Numismatik (vormals Veröffentlichungen der Numismatischen Kommission), 66
Denkschriften der philosophisch-historischen Klasse, 541
1. Auflage, 2022
 



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