Die Stadt als Fingerabdruck

Gastwissenschafter Dr. Julian Schreyer untersucht am Fall der Stadt Atarneus Fragestellungen zur Architektur und Urbanistik

Wie sehr ist die Physiognomie einer Stadt durch Gegebenheiten und Siedlungsstruktur ihrer Mikroregion geprägt? Wie machen sich Transformationen der Umgebung auch im individuellen Stadtbild bemerkbar? Als historischen Testfall für diese Fragen untersucht Dr. Julian Schreyer im Rahmen eines Gastaufenthaltes am ÖAI die antike Stadt Atarneus, die ab dem 3. Jh. v. Chr. zunehmend unter den Einfluss der aufstrebenden benachbarten Metropole Pergamon geriet – und dabei zunächst einen vorübergehenden Boom erlebte, dann aber mehr und mehr an Attraktivität verlor und schließlich ganz aufgegeben wurde.

 

Atarneus liegt an der heutigen türkischen Westküste gegenüber der Insel Lesbos. Wie die historische Überlieferung berichtet, residierte hier im 4. Jh. v. Chr. der Tyrann Hermias, der für mehrere Jahre den Philosophen Aristoteles an seinen Hof holte. Im 1. und 2. Jh. n. Chr. notieren die Autoren Plinius der Ältere und Pausanias in verschiedenen Zusammenhängen, dass die Stadt untergangen, zu einem Dorf geworden und von seinen Bewohnern verlassen worden sei. Heute findet sich auf dem Stadtberg auf einer Fläche von rund 24 Hektar eine große Zahl antiker Gebäudereste und Keramikfragmente.

Angezogen von diesen Siedlungsspuren, kam es seit 1879 immer wieder zu archäologischen Begehungen und bis 1911 auch zu Grabungen. Sie gaben zu erkennen, dass unterhalb des gegenwärtigen Verschüttungsniveaus mit einer teils herausragenden Erhaltung zu rechnen ist. Eine archäologisch fundierte Stadtgeschichte von Atarneus ließ sich auf dieser Grundlage dennoch nicht schreiben. Maßgeblich verbessert hat sich die Situation erst zwischen 2006 und 2011, als ein DFG-getragenes Surveyprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Martin Zimmermann (LMU München) das Umland von Pergamon während der Zeit des Hellenismus in den Blick nahm. In diesem Zuge wurden nun auch die obertägigen Überreste von Atarneus erstmals systematisch erfasst.

Auf der so gewonnenen Datenbasis erprobt Schreyer in seinem Postdoc-Projekt »Stadtbild und Mikroregion« einen Ansatz archäologischer Stadtforschung, der in den Altertumswissenschaften bisher ein weitgehendes Desiderat bildet. Meist wird der Fokus einseitig entweder auf übergreifende Siedlungsnetzwerke oder auf individuelle Stadtbilder gelegt. Dabei sind etwa Baumaterialien, Bautechniken, Dekorprinzipien, aber auch Straßennetze, Fortifikationssysteme und Urbanistik durchaus auf beiden Ebenen relevant: Sie geben Aufschluss über unterschiedlich weitreichende Interaktionsräume, in die eine Stadt eingebunden ist und aus denen sie materiell und konzeptionell Ressourcen bezieht. Sie sind es aber auch, die einer Stadt ihr spezifisches physisches Gepräge verleihen, in dem historische Benutzer agieren und sich orientieren. So wirkt die mikroregionale Vernetzung bis in das individuelle Stadtbild hinein und wird dort konkret greifbar.

Das Projekt ist am Institut für Klassische Archäologie der FAU Erlangen-Nürnberg angesiedelt. Ein Forschungsstipendium der Deutschen Forschungsmeinschaft (DFG) ermöglicht es Julian Schreyer für je drei Monate am ÖAI Wien und an der Abteilung Istanbul des DAI zu arbeiten.