Die Stadtentwicklung von Lousoi im Hellenismus

Die peloponnesische Polis Lousoi bietet die Möglichkeit, zahlreiche Facetten antiker griechischer Stadtkultur aus dem Blickwinkel eines kleinen, aber traditionsreichen und überregional vernetzten Siedlungsplatzes zu beleuchten. Interdisziplinäre Forschungen tragen dazu bei, wesentliche Fragen der stadträumlichen Gliederung und Entwicklung zu beantworten.

Lousoi, Mindestausdehnung des antiken Stadtgebiets anhand der an der Oberfläche sichtbaren antiken Befunde (Karte: ÖAW-ÖAI/C. Kurtze, C. Baier)

Die antike Kleinstadt Lousoi im Norden der Peloponnes liegt am südöstlichen Rand der fruchtbaren, von Berghängen umgebenen Hochebene von Soudena. In der Antike wurde sie der Kulturlandschaft Arkadien zugerechnet und erlangte dank des altehrwürdigen Kultplatzes der Artemis Hemera bereits früh weitreichende Bedeutung. Die in den Jahren 1898/1899 begonnene und seit 1980 weitergeführte Erforschung des Heiligtums und des Siedlungsplatzes durch die Zweigstelle Athen des ÖAI zeigt, dass die materielle Kultur des antiken Lousoi in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte lokale Besonderheiten aufwies, die Stadt in ihrer Entwicklung zugleich aber auch überregionalen Tendenzen folgte. 

Forschungen zur Urbanistik


Das nach der Antike nicht überbaute Stadtgebiet von Lousoi eignet sich angesichts seiner überschaubaren Gesamtgröße von etwa 20–40 ha für eine systematische Analyse der gesamten Siedlungsstruktur. In den Jahren 2014 bis 2016 wurden durch die Erstellung einer topografischen Karte des Siedlungsbereichs, einer hochauflösenden Orthofotokarte sowie dank eines großflächigen Architektursurveys erste grundlegende Erkenntnisse zu den stadträumlichen Zusammenhängen erzielt und wichtige Voraussetzungen für weitere Untersuchungen geschaffen.

Die Siedlungstopografie von Lousoi


Sowohl die Binnenstruktur der Stadt als auch die Grenzen ihrer Ausdehnung waren in hohem Maße durch die naturräumlichen Bedingungen bestimmt. Das lang gestreckte Stadtgebiet ist von einem stark bewegten Geländerelief, kleinen Wasserläufen und sumpfigen Zonen in der Ebene gekennzeichnet. Während der Verlauf der Siedlungsgrenze im Süden bislang unklar ist, endet die Bebauung im Norden nahe einer tiefen Schlucht, an deren nördlicher Gegenseite das peri-urbane Heiligtum der Artemis Hemera liegt. Vom Heiligtum ausgehend, scheint ein historischer Verkehrsweg den oberen Rand der Siedlung entlangzulaufen, dem auch für die Erschließung der einzelnen Siedlungsbereiche eine wichtige Funktion zugekommen sein mag.

Lousoi, Mindestausdehnung des antiken Stadtgebiets am westlichen Abhang des Profitis Ilias. Blick von Westen (Foto: ÖAW-ÖAI/G. Ladstätter, Bearbeitung: C. Baier)

Entstehung und Blüte


Sowohl im Bereich des Artemistempels im Norden als auch im Areal des späteren öffentlichen Zentrums im Süden der Stadt setzte die Nutzung im späten 8. oder frühen 7. Jh. v. Chr. ein. Die archäologischen und epigrafischen Zeugnisse legen nahe, dass das Heiligtum, die zugehörigen Festspiele und mit ihnen die Stadt bis in die beginnende Kaiserzeit von überregionaler Bedeutung waren. Vor allem für die Zeit zwischen dem ausgehenden 4. und dem 2. Jh. v. Chr. zeugen die archäologischen Befunde, aber auch die epigrafischen und literarischen Zeugnisse von einer bemerkenswerten Dynamik in der Stadtentwicklung.

Die hellenistische Stadtstruktur


Lousoi, fragmentierte Kalksteinstele aus dem südlichen Stadtgebiet (Foto: ÖAW-ÖAI/G. Ladstätter)
Lousoi, fragmentierte Kalksteinstele aus dem südlichen Stadtgebiet (Foto: ÖAW-ÖAI/G. Ladstätter)

Die umfassenden hellenistischen Baumaßnahmen waren zum einen von zeitgenössischer Urbanität gekennzeichnet, zum anderen aber auch von stark lokal geprägten Bauformen, wie der bautypologisch singuläre frühhellenistische Tempel der Artemis illustriert. Während im kleinteilig terrassierten nördlichen Stadtareal ausweislich zweier ergrabener hellenistischer Häuser wohl primär mit Wohnbebauung zu rechnen ist, befand sich das öffentliche Zentrum der Stadt im flacheren Gelände weiter südlich. Eine zweischiffige Stoa, ein Ringhallentempel und ein kleiner Oikos dürften Begrenzungen der hellenistischen Agora markieren. Eine künftige Untersuchung der Monumente im öffentlichen Herzen der Stadt ist neben weiteren großräumigen Forschungen zur Stadtstruktur zweifellos ein wichtiger Schlüssel für ein tieferes Verständnis der städtebaulichen Entwicklung von Lousoi.