Leontion: eine Polis von kurzer Lebensdauer?

Leontion war eine befestigte Kleinstadt im Norden der Peloponnes, die im Grenzgebiet zwischen Achaia und Arkadien lag. Ihre an der Oberfläche sichtbaren Baureste scheinen im Wesentlichen aus frühhellenistischer Zeit zu stammen, was eine entsprechende Neugründung nahelegt. Seit 2018 wird der Ort im Rahmen einer auf fünf Jahre angelegten Synergasia zwischen der Ephorie für Altertümer in Achaia (EphAch) und dem ÖAI (Zentrale und Zweigstelle Athen) erforscht.

Blick von Nordosten auf den Kastritsi-Hügel mit den Ruinen von Leontion (Foto: ÖAW-ÖAI und EphAch/Leontion-Projekt/C. Kurtze)

Lage und Geschichte


Für die Lokalisierung von Leontion auf dem ca. 2,3 km nördlich des Dorfes Kato Vlasia (Gemeinde Kalavryta, Achaia) gelegenen Kastritsi-Hügel erbrachte F. Boelte in einem Aufsatz im Jahr 1925 die überzeugenden, vor allem historischen Argumente. In der literarischen Überlieferung hat sich der Ort in nur geringer Weise niedergeschlagen: Erstmalig erscheint er im Werk des Polybios, der ihn zumindest ab spätklassischer Zeit zu den zwölf Poleis des Achaiischen Bundes zählt; darüber hinaus erwähnt er Leontion im Zusammenhang mit einem aitolischen Raubzug im Jahr 217 v. Chr. und liefert damit die entscheidenden Anhaltspunkte für die Lokalisierung.

Obwohl Leontion offenbar schon in vorhellenistischer Zeit den Status als Polis hatte, scheint sein Ausbau zu einer regelrechten Kleinstadt erst in frühhellenistischer Zeit und womöglich im Zuge einer Neugründung durch Antigonos II. Gonatas erfolgt zu sein. Auffallend ist zudem die starke Befestigung, die gemeinsam mit der Lage am Kreuzungspunkt wichtiger Überlandwege an ein militärstrategisches Interesse an der Ortschaft denken lässt. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass Leontion schon im weiteren Verlauf der hellenistischen Zeit an Bedeutung verlor und womöglich schon in der Kaiserzeit zu einem Dorf herabgesunken war.

Ruinenbestand


Das von einem fast vollständig erhaltenen, mit Türmen und Toren ausgestatteten Befestigungsring umschlossene Stadtgebiet erstreckt sich über den annähernd L-förmigen Kastritsi-Hügel und hat eine Größe von etwa 4 ha. Auf dem ganz im Westen gelegenen, felsigen Gipfel haben sich kaum antike Reste erhalten. Östlich unterhalb schließt sich aber mit einem ca. 80 × 40 m großen Plateau die einzige größere ebene Fläche innerhalb des Siedlungsgebiets an. Auf ihr dürfte die Agora gelegen haben, deren Nordseite vollständig von einem lang gestreckten, mehrräumigen Gebäude bislang unbekannter Funktion und Datierung eingenommen wird. Südlich des Agora-Bereichs zeichnen sich am Hang Reste der Wohnbebauung in Form von Terrassenhäusern ab.

Der nördliche Teil von Leontion besteht unterhalb der im Westen genau auf dem Hügelgrat verlaufenden Befestigungsmauer nur aus einem nach Osten weisenden Hang. Über ihn verteilen sich zunächst ebenfalls Wohnterrassen von teilweise beachtlicher Größe, die durch ein rechtwinkliges Wegesystem miteinander verbunden waren. Diese Art der Bebauung endet im nördlichen Zwickel des Mauerrings an einem kleinen, teils aus dem Fels geschlagenen Theater, das vielleicht mit einem kleinen Heiligtum verbunden war. Im Osten ist schließlich die einzige gut erhaltene Toranlage zu finden, die sich dem Typus des Tangentialtors zurechnen lässt und darüber hinaus einige Besonderheiten aufweist.

Das Theater von Leontion von Osten (Foto: ÖAW-ÖAI und EphAch/Leontion-Projekt/C. Kurtze)

Erste Forschungsarbeiten


Im Rahmen ihrer Dissertation zu Archäologie und Topografie des nordwestlichen Arkadiens hat G. Alexopoulou Leontion ausführlich behandelt. Dabei stützte sie sich auch auf eigene Forschungen am Ort in den frühen 2000er Jahren und legte damit die Grundlagen für die aktuelle, im Frühjahr 2018 vom griechischen Ministerium für Kultur und Sport genehmigte Synergasia. Im Zuge einer ersten dreiwöchigen Feldforschungskampagne im September 2018 wurden sämtliche oberirdisch sichtbaren Reste der Siedlung vermessen. Für diese Vermessung, die Befliegung mit einer Drohne und ein 3-D-Laserscanning an ausgewählten Stellen hatten Arbeiter der Ephorie den gesamten Mauerring, den Bereich der mutmaßlichen Agora sowie das Theater von Bewuchs gereinigt.

Der ersten Auswertung zufolge scheint der Befestigungsmauerring in einem Zug errichtet worden zu sein, da sich an keiner Stelle Hinweise auf eine Veränderung der Trassenführung oder substanzielle Reparaturen bzw. Umbauten finden. Da Theater und Befestigungsmauern kaum unabhängig voneinander entstanden sein können, dürften beide auf derselben zeitlichen Ebene anzusiedeln sein. Selbiges dürfte auch für die erhaltenen Wohnterrassen zumindest am Osthang gelten, da sich diese an den Parodoi des Theaters orientieren. Insgesamt erwecken die erhaltenen Baureste demnach den Eindruck, zum ursprünglichen, später offenbar nur unmerklich veränderten Layout der Kleinstadt zu gehören. Damit bilden sie eine wesentliche Stütze für die Vermutung einer wohl frühhellenistischen Neugründung und einem baldigen Niedergang von Leontion.

Zielsetzungen


In den zukünftigen vier Kampagnen wird zu überprüfen sein, ob der soeben skizzierte erste Eindruck von der Siedlung zutreffend ist. Neben der Überprüfung der postulierten frühhellenistischen Zeitstellung der genannten Bauten wird der Frage nachzugehen sein, ob am Ort auch Reste des vorhellenistischen Leontion zu finden sind, oder ob dieses nicht an einer anderen Stelle zu suchen ist. Ferner wird die Klärung der nachhellenistischen Form der Besiedlung im Fokus stehen. Zur Beantwortung dieser Fragen sollen diverse Prospektionsmethoden zum Einsatz kommen sowie ein systematischer Keramik-Survey und an geeigneten Stellen Ausgrabungen durchgeführt werden. Später sollen die Forschungsarbeiten auch in Form eines Surveys auf das Umland von Leontion ausgedehnt werden, das im Wesentlichen das Tal des Selinountas-Flusses zwischen Kato Vlasia und Agios Andreas umfasst haben dürfte. Außerdem wird der mögliche militärstrategische Charakter der Siedlung auch im Verhältnis zu den benachbarten Poleis Achaias und Arkadiens weiter zu untersuchen sein.