DIE FRÜHGRIECHISCHE KOLONISATION IN MAKEDONIEN UND ITALIEN

Ursprung, Beweggrund, Form und Perzeption einer großen Migration der Antike 

Die dunkelste und gleichzeitig faszinierendste Phase der griechischen Kolonisation ist ihr Beginn. Motivation, Form sowie auch Datierung der ersten ›Expeditionen‹ sind noch immer umstritten. Diesbezüglich erbrachten aktuelle Feldforschungen in der Nordägäis, insbesondere in der antiken Stadt Mende auf der Chalkidike, neue Kenntnisse und ermöglichen eine komparative Analyse mit den frühesten griechischen Niederlassungen in Italien.

Handelsamphoren aus Pithekoussai, Museo Archeologico di Pithekoussai (Foto: S. Gimatzidis)
Handelsamphoren aus Pithekoussai, Museo Archeologico di Pithekoussai (Foto: ÖAW-ÖAI/S. Gimatzidis)

Apoikismos | Kolonisation | Kolonialismus


Mit »Apoikismos« wird im Alt- wie im Neugriechischen das Verlassen des Haushalts oder der Heimat und anschließende Gründen von Siedlungen im Ausland bezeichnet. Dieses historische Phänomen beginnt – der konventionellen Chronologie zufolge – im 8. Jh. v. Chr. und dauerte einige Jahrhunderte an. Üblicherweise und traditionell wird Apoikismos mit »Kolonisation« übersetzt, etymologisch basierend auf der römischen colonia, einem Militärlager zur Kontrolle und Unterdrückung der unterworfenen Bevölkerung. Heute ist klar, dass die Begleiterscheinungen dieser Übersetzung in einer wechselseitigen Beziehung mit der Ideologie der mächtigen westeuropäischen Kolonialmächte der letzten Jahrhunderte standen.

Mende: Die früheste griechische Kolonie in der Nordägäis


Die Stadt Mende auf der Chalkidike (Foto: 16. Ephorie, Thessaloniki)
Die Stadt Mende auf der Chalkidike (Foto: 16. Ephorie, Thessaloniki)

Ziel dieses interdisziplinären Projekts ist es, eine vergleichende Studie der frühgriechischen Kolonisation in Makedonien und Italien während des 8. und 7. Jhs. v. Chr. aus der Sicht der postkolonialen Theorie durchzuführen. Basis des Projekts wird die Publikation des archäologischen Materials der früheisenzeitlichen und früharchaischen Bauphasen der Siedlung Mende, die eine der bedeutendsten euböischen Kolonien in der Nordägäis war, bilden. Archäologisches Material aus geschlossenen Fundkomplexen dieser Stadt wurde schon statistisch und typologisch analysiert, mit dem Ziel, die Auswirkung der griechischen Kolonisation im kulturellen Material der Chalkidike zu untersuchen.

Vergleichende Studie archäologischer Daten aus Makedonien und Italien


Kykladische Amphora aus Akanthos (Ierissos) auf der Chalkidike (Foto: 16. Ephorie, Thessaloniki)
Kykladische Amphora aus Akanthos (Ierissos) auf der Chalkidike (Foto: 16. Ephorie, Thessaloniki)

Die Analyse der Stratigrafie und des archäologischen Materials von Mende und die vergleichende Studie mit ähnlichen Fundorten in Makedonien und Italien ermöglichen neue Einblicke in ein historisches Phänomen. Durch den Brückenschlag zwischen Forschungen, die an beiden Enden der griechischen kolonialistischen Expansion angesiedelt sind, können alte Vorurteile überwunden und die Aussagekraft neuer Modelle überprüft werden. Diesen zufolge war die griechische Kolonisation nicht eine Ansammlung von Einzelereignissen, sondern ein Entwicklungsprozess hin zu neuen sozio-politischen Einheiten und Identitäten. Falls sich dieses Szenario als richtig erweist, können weder die Gründungsdaten der frühgriechischen Kolonien noch die griechische absolute Chronologie der geometrischen und früharchaischen Periode weiterhin als bewiesen angesehen werden.

Archäometrische Daten


Die Rekonstruktion der frühkolonialen Beziehungen wird durch eine Reihe archäometrischer Analysen unterstützt. Dazu zählen etwa die Radiokohlenstoff-Altersbestimmung gut stratifizierter, kurzlebiger Proben, archäometallurgische Analysen von Bronzeobjekten in Hinblick auf antike Netzwerke des Erzhandels, Neutronenaktivierungs- und petrografische Keramikanalysen für die Klärung der Provenienz sowie technologische Studien, die Auskunft über plötzliche Veränderungen in der Keramikproduktion geben können. Schließlich wird eine zusammenfassende archäobotanische Studie einen besseren Blick auf die natürliche Umgebung, mit der sich die Kolonisten in ihren nördlichen Unternehmungen konfrontiert sahen, bieten.