Ein spätantik-mittelalterliches Stadtquartier südlich der Marienkirche in Ephesos

Im Zentrum des spätantiken Ephesos konnte in den Jahren 2011 bis 2016 südlich der Marienkirche ein Teil eines Stadtviertels (4./5.–12. Jh. n. Chr.) ausgegraben werden. Neben repräsentativ gestalteten Wohnbereichen wurden Gebäudeteile freigelegt, in denen Produktion und Handel nachweisbar sind. Mit der Aufarbeitung der Funde und Befunde können Aufschlüsse über die ›Dark Ages‹ der Spätzeit der Stadt erwartet werden.

Ephesos, spätantik-mittelalterliches Stadtquartier. Luftbild (Foto: ÖAW-ÖAI/C. Kurtze)

Ephesos in der Spätantike


Gegen Ende des 4./Anfang des 5. Jhs. n. Chr. etablierte sich Ephesos als überregionales politisches sowie ökonomisches Zentrum, und auch die erstarkte christliche Religion drückte der Stadt ihren Stempel auf. So wurden im Rahmen eines wohl zentral gesteuerten Bauprogramms repräsentative Bauten profaner und sakraler Natur in der Unterstadt von Ephesos errichtet. Sowohl in zeitlicher als auch räumlicher unmittelbarer Nähe entstanden großzügig angelegte Privatbauten, die in ihrer Grundrissgestaltung in Nachfolge der kaiserzeitlichen Hanghäuser standen.

In den letzten Jahren bot sich die Möglichkeit, einen solchen Komplex mithilfe modernster Methoden auszugraben. Seine Strukturen befinden sich unmittelbar südlich der Marienkirche und wurden im Zuge des geophysikalischen Surveys über den Nordhallen der kaiserzeitlichen ›Verulanushallen‹ gemessen.

Die Befunde des spätantik-mittelalterlichen Stadtquartiers


Das ergrabene Areal umfasst etwa 2.000 m², und es lassen sich im Befund mehrere, voneinander unabhängige Komplexe feststellen. Hervorzuheben ist ein repräsentativer Wohnbau, der mit Schmuckböden, Wandmalereien und Marmorinkrustationen ausgestattet war. Daneben wurden Räume freigelegt, die hauswirtschaftlichen Aktivitäten vorbehalten waren. Die großen Dimensionen der Installationen in einzelnen Räumen legen nahe, dass hier landwirtschaftliche Produkte, etwa Trauben, Getreide und Oliven, weit über den Eigenbedarf hinaus verarbeitet wurden. Darüber hinaus ist es möglich, Beinwerkstätten zu rekonstruieren. Mehrere Tausend Münzen, Waagen und Gewichte lassen zudem auf Handelsaktivitäten schließen, die vor allem in straßenseitigen Tabernen abgewickelt wurden.

In der zweiten Hälfte des 7. Jhs. fand die Nutzung dieser Gebäude ein jähes Ende. Ein möglicherweise durch ein Erdbeben verursachtes Feuer führte zu einer umfassenden Zerstörung, wobei ein Großteil der Bauten danach wieder instand gesetzt wurde. Auffallend ist jedoch, dass man nicht mehr in der Lage oder auch nicht willens war, den gesamten Zerstörungsschutt zu entfernen: Teilweise wurden Räume mit Schutt aufgefüllt und abgemauert, teilweise findet sich der Schutt innerhalb der Räume einplaniert und wurden neue Böden eingebracht. In einzelnen Bereichen wurde im Laufe der weiteren Nutzung mehrmals so verfahren, wodurch sich das Niveau im Inneren sukzessive erhöhte.

Ephesos, spätantik-mittelalterliches Stadtquartier. Apsidenraum mit opus sectile-Boden (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)
Ephesos, spätantik-mittelalterliches Stadtquartier. Authepsa, ein Selbstkocher in der Art eines Samowars (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)

Die byzantinischen ›Dark Ages‹ in Ephesos


Erst ab dem 12. Jh. scheint man die spätantiken Strukturen vollkommen aufzugeben, punktuell wurden sie auch überbaut. Konnte bis zu dieser Zeit Wohnaktivität nachgewiesen werden, so scheint das Areal nun hauptsächlich für agrarische Zwecke genutzt worden zu sein. Hiervon zeugen noch vereinzelt erhaltene Speicherbauten. Die letzten Spuren menschlicher Aktivität lassen sich in das 14. Jh. datieren, wobei diesen keine baulichen Befunde mehr zuzuordnen sind. Wie Befunde andernorts im Stadtgebiet nahelegen, wird Ephesos zu diesem Zeitpunkt gänzlich verlassen.