Rekonstruktion der Stadt Ephesos und ihrer Landschaft

Geophysikalische Prospektion und geoarchäologische Kernbohrungen haben maßgeblich dazu beigetragen, Siedlungen von prähistorischer Zeit bis in die Gegenwart im Großraum von Ephesos besser zu verstehen. In der Auswertung dieser Quellen stellen die Komplexität der Siedlungsentwicklung sowie die schwierigen naturräumlichen Voraussetzungen eine große Herausforderung dar, der allerdings hohes kulturhistorisches Potenzial gegenübergestellt werden kann. 

Ephesos, Verbauung der Oberen Agora (Plan: ÖAW-ÖAI/C. Kurtze)

Materialbasis


Insgesamt kann auf rund 200 ha geophysikalische Messungen und 268 Tiefbohrungen zurückgegriffen werden, die in den letzten Jahren im Großraum von Ephesos erfolgten. Intensiv erforscht wurden nicht nur die prähistorische Siedlung Çukuriçi Höyük und das Artemision, sondern auch Flächen innerhalb des hellenistisch-römischen Stadtgebiets von Ephesos sowie die Vorstädte. Besonders aussagekräftig ist dabei die Kombination von Bodenradar und Bohrungen, durch die ein dreidimensionales Bild des Untergrunds und der Schichtabfolge erstellt werden kann.

Öffentlicher Raum und dessen Transformation


Die Obere Agora präsentiert sich in ihrem ausgegrabenen Zustand als Platzanlage mit Säulenhallen an drei Seiten. Im Norden schließen öffentliche Gebäude an, eine Thermenanlage bildet den Ostabschluss. Die Radarbilder im Süden zeigen eine dichte Bebauung des Areals mit großen, säulenbestandenen Plätzen, repräsentativen Bauten und einem regelmäßigen Straßensystem. Auf einer höher gelegenen Terrasse südlich des Domitianstempels breitet sich eine weitläufige Anlage unbekannter Funktion mit einem lang gestreckten Monument im Zentrum eines Säulenhofs aus.

Anders sieht die Situation im ›Olympieion‹, dem Neokorietempel für Hadrian, aus, nach dessen grundlegender Zerstörung der Kultbezirk in byzantinischer Zeit dicht und kleinteilig verbaut wurde. Die Radarbilder zeigen hier eine dorfähnliche Struktur mit einzelnen Gehöften, die durch unregelmäßige Wege verbunden sind. Dazwischen liegen freie Flächen, in denen Feldfrüchte angebaut und Vieh gehalten werden konnte.

Ephesos, Verbauung des Kaiserkultbezirks für Hadrian, sog. Olympieion (Plan: ÖAW-ÖAI/C. Kurtze)

Dörfer und Villen


Wenig ist bekannt von den in unmittelbarer Nähe von Ephesos gelegenen ländlichen Siedlungen. Dörfer sind epigrafisch überliefert, ausgegraben wurde bislang kein einziges. Daneben muss es auch zahlreiche Villen gegeben haben, und zwar sowohl landwirtschaftliche Betriebe als auch luxuriöse Landgüter wohlhabender ephesischer Bürger. Eine solche, 10.000 m² große Villa konnte 4 km westlich der Stadt durch Bodenradar entdeckt werden. Sie folgt grundrisstypologisch dem in den nordwestlichen Provinzen gut bekannten Typ der Eckrisalit-Villa und wird Oberflächenfunden zufolge in das 2./3. Jh. n. Chr. zu datieren sein.

Der Untergrund ist wichtig


Archäologische Befunde sind sehr oft nicht eindeutig und erfordern komplementäre Analysen, um auftretende Phänomene zu deuten. Im Bereich des spätantik-byzantinischen Stadtquartiers ließen zwar deformierte Böden und Wände Erdbebenschäden erahnen, allerdings gaben inverse Stratigrafien, insbesondere die Lage von Schwemmsand auf spätantiken Böden, Rätsel auf, die erst durch Tiefbohrungen geklärt werden konnten. Dabei zeigten sich eindeutige Anzeichen von Bodenverflüssigung als Folgeerscheinungen massiver seismischer Aktivitäten.

Der heilige Bezirk der ephesischen Artemis ist nahezu unbekannt, da das Areal heute von einem bis zu 7 m dicken Alluvialboden bedeckt ist, dessen Dichte nur unbefriedigende geophysikalische Messergebnisse zulässt. Mittels Tiefbohrungen konnte die Ausdehnung des Bezirks eruiert und eine Tiefenabfolge von Nutzungshorizonten erstellt werden, die beispielsweise den Nachweis erbracht hat, dass die klassische Zeit in einer Tiefe von 5 m zu suchen ist.

Ephesos, Bohrung aus dem spätantiken-mittelalterlichen Stadtquartier südlich der Marienkirche (Foto: H. Brückner, F. Stock)
Ephesos, Bohrung aus dem spätantiken-mittelalterlichen Stadtquartier südlich der Marienkirche (Foto: H. Brückner, F. Stock)

Zukünftige Forschungsfragen


In einem als Dissertation organisierten Forschungsprojekt gilt es nun, die geophysikalischen Grunddaten zu evaluieren und archäologisch zu interpretieren. Ebenso ist geplant, die geoarchäologischen Ergebnisse auf einer Mikroebene zu analysieren. Auf diesen Auswertungen basierend, soll eine Rekonstruktion von Stadt und Landschaft versucht werden, die der Komplexität und der Dynamik der Siedlungskammer von Ephesos gerecht wird.