Ephesos: Periurbane Forschungen

Die Erforschung des Umlands von Ephesos ist zentraler Bestandteil des aktuellen Forschungsprogramms, um das Einzugsgebiet der Stadt zu definieren. Dies gilt sowohl für die Hafenlandschaft als auch das landwirtschaftlich geprägte Hinterland und die Vorstädte, also jene dichte Bebauung, die sich außerhalb der Stadtmauern ausbreitete. Heute über große Strecken in Privatbesitz und von Obstplantagen bedeckt, kann der Untergrund nur mit Spezialgenehmigungen untersucht werden.

Methoden


Großflächig werden seit 2008 Oberflächensurveys, Bauaufnahmen, geophysikalische und geoarchäologische Prospektionen durchgeführt. Insgesamt kann auf rund 200 ha geophysikalische Messungen und 268 Tiefbohrungen zurückgegriffen werden. Etwa 320.000 m² wurden systematisch begangen, das Fundmaterial wurde quantitativ erfasst oder aufgesammelt. Lediglich punktuell fanden Grabungen statt, die vor allem der Klärung chronologischer Fragen dienten. Zugleich erfolgten das Studium der Archivalien, insbesondere der historischen Luftbilder und Grafiken, sowie die Auswertung literarischer Quellen.

Die ephesische Hafenlandschaft


Die Erforschung der Hafenlandschaft ist grundlegend für das Verständnis der Stadt Ephesos. Über Jahrtausende hinweg wurden größte Anstrengungen unternommen, einen direkten Meereszugang zu gewährleisten. Eine technische Meisterleistung war das Kanalsystem, das den römischen Stadthafen mit der Küste verband und bis weit in die byzantinische Zeit in Funktion blieb.

Trotzdem die Bedeutung eines funktionierenden Hafens für die Prosperität der Stadt von Anbeginn der archäologischen Untersuchungen in Ephesos nie angezweifelt worden war, setzte seine systematische archäologische Untersuchung erst in den letzten Jahren ein. Dieser Umstand ist den komplexen naturräumlichen Voraussetzungen geschuldet, die einen interdisziplinären Forschungsansatz unter Anwendung modernster Methoden und Analyseverfahren erfordern.

Im Zentrum der Untersuchungen steht die Organisation des über Jahrhunderte weiterentwickelten Hafensystems von Ephesos mit seiner Abfolge von Häfen, Ankerplätzen, Kanälen und Schifffahrtszeichen. Ein Schwerpunkt liegt auf der baulichen Ausgestaltung der Häfen selbst, insbesondere der spezifischen Installationen, infrastrukturellen Bauten sowie deren städtebaulicher Anbindung. Ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt ist die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt als wichtigste Handelsdrehscheibe zwischen dem Mittelmeerraum und Anatolien mit einem enormen Aufkommen an Güterverkehr, der über den Hafen, wo auch die Zolleinhebung stattfand, abgewickelt wurde.

Die Vorstädte


Entlang des Hafenkanals wurden Flächen begangen, die im Vorfeld bereits geophysikalisch untersucht worden waren und sowohl dicht bebaute als auch bebauungsfreie Areale zeigten. Zwar lassen die Oberflächenfunde quantitativ keinen Unterschied erkennen, allerdings differieren sie in ihrer Zusammensetzung. Die im bebauten Areal überrepräsentierten Küchenwaren und Amphoren deuten auf eine häusliche Nutzung hin, während das Material aus anderen Flächen entweder mit Nekropolen oder auch mit sekundären Planierungen in Verbindung gebracht werden kann. Die Keramik setzt im späten Hellenismus ein und reicht bis in das 5./6. Jh. n. Chr., byzantinisches Fundmaterial fehlt hingegen.

Die Region im Süden und Südosten des Magnesischen Tors bis zu dem modernen Ort Acarlar gehörte zu dem vorstädtischen Gebiet von Ephesos. Interessant war die Beobachtung, dass – anders als entlang des Hafenkanals – unterschiedliche Artefakt-Häufigkeiten erfasst werden konnten. Unmittelbar außerhalb der Fortifikation ist die höchste Dichte zu verzeichnen, was wohl städtisches Abfallverhalten widerspiegelt. Fehlbrände deuten in diesem Areal auf Keramik produzierende Werkstätten hin. Die hohe Ziegelkonzentration in einzelnen Feldern geht wohl auf Grabbauten zurück, was auch Fragmente von Grabinschriften bestätigten. Die Verarbeitung landwirtschaftlicher Güter ist durch Reste von Pressen und Mühlen belegt.

Geophysikalisch besonders aufschlussreich sind die suburbanen Strukturen im Nordwesten der Stadt, direkt anschließend an den römischen Hafen. Hier zeichnen sich eine dichte, mehrphasige Bebauung und ein unregelmäßiges Straßensystem ab. In einem als Dissertation organisierten Forschungsprojekt gilt es nun, die geophysikalischen Grunddaten zu evaluieren und archäologisch zu interpretieren. Ebenso ist geplant, die geoarchäologischen Ergebnisse auf einer Mikroebene zu analysieren. Auf diesen Auswertungen basierend, soll eine Rekonstruktion von Stadt und Landschaft versucht werden, die der Komplexität und der Dynamik der Siedlungskammer von Ephesos gerecht wird.

Dörfer und Villen


Wenig ist von den in unmittelbarer Nähe von Ephesos gelegenen ländlichen Siedlungen bekannt. Dörfer sind epigrafisch überliefert, ausgegraben wurde bislang kein einziges. Daneben muss es auch zahlreiche Villen gegeben haben, und zwar sowohl landwirtschaftliche Betriebe als auch luxuriöse Landgüter wohlhabender ephesischer Bürger. Eine derartige 10.000 m² große Villa konnte 4 km westlich der Stadt durch Bodenradar entdeckt werden. Sie folgt grundrisstypologisch dem in den nordwestlichen Provinzen gut bekannten Typ der Eckrisalit-Villa und wird Oberflächenfunden zufolge in das 2./3. Jh. n. Chr. zu datieren sein. Eine zweite Villa konnte südöstlich von Ephesos dokumentiert werden.

Darüber hinaus bezeugen Streufunde zahlreiche Dörfer in Umgebung der Stadt sowie den anschließenden Tälern. Ihre Erforschung steht allerdings nach wie vor erst am Anfang und ist bislang von Zufallsfunden abhängig.