Die Erforschung der ephesischen Hafenlandschaft

Die Erforschung der komplexen Hafenlandschaft ist elementar für das Verständnis der Stadt Ephesos. Über Jahrtausende hinweg wurden größte Anstrengungen unternommen, um einen direkten Meereszugang zu gewährleisten. Eine technische Meisterleistung war das Kanalsystem, das den römischen Stadthafen mit der Küste verband und bis weit in die byzantinische Zeit in Funktion blieb.

Ephesos, Blick auf das römische Hafenbecken und den Kanal (Foto: ÖAW-ÖAI/L. Fliesser)

Obwohl die Bedeutung eines funktionierenden Hafens für die Prosperität der Stadt von Anbeginn der archäologischen Untersuchungen in Ephesos nicht in Zweifel gezogen worden war, setzte eine systematische archäologische Untersuchung erst in den letzten Jahren ein. Dieser Umstand ist den schwierigen naturräumlichen Voraussetzungen geschuldet, die einen interdisziplinären Forschungsansatz unter Anwendung modernster Methoden und Analyseverfahren erfordern.

Methoden


Großflächig wurden seit 2008 Oberflächensurveys, Bauaufnahmen und geophysikalische Prospektionen durchgeführt. Lediglich punktuell fanden vor allem zur Klärung chronologischer Fragen Grabungen statt. Parallel dazu erfolgte ein Studium der Archivalien, insbesondere der historischen Luftbilder und Grafiken, sowie eine Auswertung der literarischen Quellen. Auch wenn die Auswertung der großen Datenmengen bei Weitem noch nicht abgeschlossen ist, lässt sich bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein komplexes System aus Häfen und Ankerplätzen prähistorischer bis osmanischer Zeit erschließen.

Infrastruktur und Organisation


Im Zentrum der Untersuchungen steht die Organisation des komplexen und über Jahrhunderte weiterentwickelten Hafensystems von Ephesos, mit seiner Abfolge von Häfen, Ankerplätzen, Kanälen und Schifffahrtszeichen. Ein Schwerpunkt liegt auf der baulichen Ausgestaltung der Häfen selbst, insbesondere der spezifischen Installationen, infrastrukturellen Bauten sowie deren städtebaulicher Anbindung. Ein weiterer zu berücksichtigender Aspekt ist die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt als wichtigste Handelsdrehscheibe zwischen dem Mittelmeerraum und Anatolien mit einem enormen Aufkommen an Güterverkehr, der über den Hafen, wo auch die Zolleinhebung stattfand, abgewickelt wurde.

Die hellenistische Neugründung als Hafenstadt


Die Küstengeografie hellenistischer Zeit war das bestimmende Element bei der Neugründung von Ephesos-Arsinoeia unter Lysimachos, da die zwischen den beiden Bergen Bülbüldağ und Panayırdağ liegende natürliche Bucht sowohl aus merkantiler als auch aus militärstrategischer Perspektive günstige Voraussetzungen für die Anlage eines Hafens bot. Der Ausbau der bereits seit der Archaik als Anlegeplatz genutzten Meeresbucht zwischen dem Bülbüldağ im Süden und dem Panayırdağ im Norden, die möglicherweise ab klassischer Zeit als Kriegshafen fungierte, war Teil des städtebaulichen Konzepts und integrierte die Hafenlandschaft in die Architektur der zudem fortifikatorisch geschützten Stadt, die nun direkt am Meer lag. In hellenistischer Zeit verfügte die Stadt Ephesos nicht über einen architektonisch gefassten Stadthafen, sondern vielmehr über eine große Meeresbucht, deren Küste um etwa 500 m weiter östlich lag als das später errichtete römische Becken, und die auf insgesamt 2.500 m (hölzernen [?]) Anlegestellen für Schiffe bot.

Ephesos, Küstenrekonstruktion hellenistischer Zeit (Karte: ÖAW-ÖAI/C. Kurtze)

Die multiplen Häfen byzantinischer Zeit


Die sukzessive Verlandung der Ebene von Ephesos erforderte ein ausgeklügeltes System aus Häfen und Kanälen, um die Meeresanbindung nicht zu verlieren. Aus byzantinischer Zeit sind zumindest zwei Außenhäfen archäologisch dokumentiert, die ihrerseits mit dem inzwischen 6 km langen Hafenkanal kommunizierten. Nach dem 7. Jh. ist zudem eine Verschlammung des römischen Hafenbeckens belegt, allerdings blieben Bereiche im Nordosten bis in das 12./13. Jh. hinein schiffbar. Damit war zumindest die Zufahrt zu den Pilgerstätten in der ›alten Stadt‹ nach wie vor möglich, auch wenn sich die Siedlung bereits nach Ayasoluk verlagert hatte.

Die Erforschung der ephesischen Häfen erfolgt als Partner im ERC-Projekt »PortusLimen« unter der Leitung von S. Keay (University of Southampton).

Ephesos, spätantike Hafenlandschaft mit Außenhäfen (Karte: ÖAW-ÖAI/C. Kurtze)