Die Stadtmauern von Aigeira

Aigeira (antike Landschaft Achaia, nördliche Peloponnes) hat vier Befestigungssysteme aus mykenischer bis spät- oder nachantiker Zeit. In einer neuen diachronen Studie werden die nachmykenischen Mauern hinsichtlich ihrer Chronologie, Ausdehnung und Bedeutung für Aigeira untersucht. Besonderes Augenmerk liegt auf der Verbindung von Architektur und Landschaft und auf Funktion und Motivation der Errichtung.

Aigeira, Westabhang (Foto: ÖAW-ÖAI/A. Sokolicek)

Die außerordentlich lange Siedlungstätigkeit in Aigeira, die vom Spätneolithikum bis in die moderne Zeit reicht, bietet günstige Voraussetzungen, die Befestigungssysteme der Stadt in einer diachronen Studie zu untersuchen.

Aigeira verfügt über vier Befestigungssysteme, die von mykenischer bis in spät- oder nachantike Zeit datieren. Der Fokus des Projekts liegt auf den Befestigungen der nachmykenischen Zeit; die mykenischen Stadtmauern sind Teil der Forschungen von W. Gauß. Die Voraussetzungen für die Studie sind günstig, denn Aigeira zählt nicht nur zu den am besten erhaltenen Poleis von Achaia, sondern hat auch eine der längsten Siedlungskontinuitäten der Gegend aufzuweisen.

Stadtanlage


Aigeiras Stadtgebiet wird von einer doppelten Akropolis im Süden dominiert und weist an seiner Ost- und Westseite steile Klippen auf. Die Klippen rahmen einen sanft abfallenden, terrassierten Abhang. Ein schmaler Isthmos im Süden verbindet die Stadt mit ihrem Hinterland und macht sie schwer zu erobern, aber leicht zu verteidigen. Eine Reihe kleiner Forts und Türme, die erst kürzlich im Rahmen des »Aigialeia Survey Project« der italienischen Schule in Athen festgestellt worden waren, spielen wahrscheinlich eine wichtige Rolle für Verteidigung und Kontrolle der Verkehrswege.

Befestigungsanlagen


Die archaische Befestigungsanlage umfasst ein Gebiet von etwa 3,5 ha um den Bereich der Akropolis und der Oberstadt, ist aber bislang nur an wenigen Stellen erfasst.

Der größte Mauerring, der etwa 50 ha Siedlungsgebiet einschließt, dürfte in spätklassisch/frühhellenistischer Zeit angelegt worden sein. Besonders überraschend ist, dass nur die spätklassisch/hellenistische Befestigungsanlage mit einigen wenigen Türmen ausgestattet ist. Dies ist zwar nicht ungewöhnlich, ist aber vor dem Hintergrund der Topografie und dem historischen Kontext neu zu bewerten. Eine mögliche Rolle im Design für die Befestigungsanlagen könnte auch der Achäische Bund gespielt haben, dem Aigeira seit dem 5. und dann wieder seit dem frühen 3. Jh. angehört hatte. Denkbar ist auch, dass die Siedlungsvergrößerung auf den Zuzug von Bewohnern aus Aigai zurückgeht, die gegen Mitte des 4. Jhs. v. Chr. aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in ihrer Heimatstadt nach Aigeira umsiedelten (Paus. 7, 25, 12; 8, 15, 9). Dieser Mauerring wurde anscheinend in nachhellenistischen Zeiten nicht verändert.

Die jüngste Befestigung nimmt jedenfalls auf ältere Verteidigungsanlagen keinen Bezug: sie umfasst den westlichen Akropolishügel, der von mykenischer bis in klassische Zeit wichtiger Siedlungspunkt war. Zweck und Datierung dieser Befestigung sind noch nicht geklärt, nach einer ersten Durchsicht des Fundmaterials älterer Grabungen dürfte es sich um eine spätantike Höhenbefestigung handeln.

Um die offenen Fragen zu klären, ist es notwendig, eine möglichst genaue Chronologie der Befestigungsanlagen zu erstellen. Mit Grabungen an ausgewählten Punkten und mithilfe bauforscherischer Analysen soll die Gestalt der Befestigungen rekonstruiert werden.

Aigeira, Akropolisfelsen (Foto: ÖAW-ÖAI/A. Sokolicek)
Aigeira, Akropolis mit später Befestigungsmauer an der Plateaukante (Foto: ÖAW-ÖAI/A. Sokolicek)