Die Kibyratis: Tradition und Transformation einer kleinasiatischen Kulturlandschaft

In der Kibyratis wurde von 2008 bis 2014 ein archäologisch-historischer Survey durchgeführt. Ziel war es, die materielle Kultur, Siedlungsentwicklung und Geschichte der Region zwar ausschnitthaft, aber erstmalig systematisch zu untersuchen. Die Feldforschungen sind abgeschlossen, das Projekt befindet sich in der Publikationsphase. 

›Alt-Kibyra‹, Halbinsel am Gölhisar Gölü (© ÖAW-ÖAI/O. Hülden)

Projekthintergrund


Die Erforschung der weitgehend mit der westlichen Hälfte der modernen Provinz Burdur identischen Kibyratis oder Kabalis ist in den Jahren von 2008 bis 2014 im Rahmen eines Feldforschungsprojekts erfolgt, dessen althistorisch-epigrafischer Teil von T. Corsten (Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik, Universität Wien) und dessen archäologischer Teil von O. Hülden (vormals Institut für Klassische Archäologie, LMU München) geleitet wurde. Das Feldprojekt gliederte sich in zwei Phasen, die unterschiedliche thematische Schwerpunkte verfolgten.

Erste Feldforschungsphase


Nach einer Vorkampagne zur Sondierung im Jahr 2008 hat eine erste Phase (2009–2012) das allgemeine Ziel verfolgt, anhand einer Kombination extensiver und intensiver Surveys punktuelle Einblicke in die zuvor noch nicht systematisch erforschten Siedlungsstrukturen und die materielle Kultur der Kibyratis/Kabalis zu nehmen.

Aus der angetroffenen Befundsituation ergab sich dabei ein Schwerpunkt in der archaischen Epoche, in der die Region offensichtlich zur Peripherie des lydischen Reiches gehört hatte. Zu den bedeutendsten Ergebnissen dieser Projektphase zählt die weitgehend vollständige Erfassung eines stark zerstörten, primär archaischen Siedlungsplatzes auf einer Halbinsel, die in einen See mit Namen Gölhisar Gölü hineinragt, und seines Umlandes. Dieser Ort liegt ca. 10 km von der hellenistisch-kaiserzeitlichen Stadt Kibyra entfernt, welche später der Region ihren Namen gab, und es dürfte sich mit großer Wahrscheinlichkeit um deren lydische Vorgängersiedlung, also um ›Alt-Kibyra‹, handeln.

Lykisches Grab (Foto: ÖAW/O. Hülden)

Zweite Feldforschungsphase


In der zweiten Projektphase (2013–2014) lag der Fokus auf der Besiedlung des ländlichen Raumes in der römischen Kaiserzeit und der Spätantike.

Hier ist als eines der bedeutendsten Resultate die archäologische Identifizierung von Teilbereichen großer Landgüter zu nennen, deren Lagebestimmung anhand der Fundorte schon länger bekannter, zugehöriger Inschriften bisher nur vage gelungen war. Sie befanden sich in der hohen Kaiserzeit im Besitz lokaler Familien, aber auch von Angehörigen der Reichsaristokratie, darunter die Schwester von Marcus Aurelius, Annia Cornificia Faustina. Bei einem dieser Landgüter wurden eindeutige Hinweise auf eine Keramikproduktion größeren Ausmaßes im ländlichen Raum entdeckt.