Das Serapeion in Ephesos: Ein Bezirk für die ägyptischen Götter

Der Serapeion-Bezirk, am Fuße des Bülbüldağ gelegen, ist eine der besterhaltenen Tempelanlagen aus dem 2. Jh. n. Chr. in Ephesos. Trotz der langen Beschäftigung mit dem Tempel und seinem Temenos ist seine Interpretation noch nicht eindeutig geklärt. Ein neues Projekt widmet sich der umfassenden Erforschung des Tempelbezirks und seiner historischen Bedeutung für Ephesos. 

Forschungsgeschichte


Der Serapeion-Bezirk besteht aus einem römischen Podiumstempel und einem 100 × 75 m großen Temenos am nördlichen Abhang des Bülbüldağ, unmittelbar westlich der Tetragonos Agora. Der Tempel, im 2. Jh. n. Chr. errichtet, gehört zu den besterhaltenen Bauwerken in Ephesos. Die gewaltigen Säulen und Architrave, die kaum verschüttet worden waren, waren bereits Reisenden des 18. und 19. Jhs. bekannt, die in dem Bauwerk einen Kaiserkulttempel für Kaiser Claudius vermuteten. Die Grabungen des ÖAI begannen 1911 und 1913 unter R. Heberdey und zeigten bald, dass der Tempel nicht nur aus enorm großen, monolithischen Baugliedern bestanden, sondern dass auch Wasser eine besondere Rolle gespielt hatte, da eine Zuleitung von außen in die Cella gefunden wurde. Dies führte zu der Vermutung, bei dem Bauwerk handelte es sich um ein Nymphäum. J. Keil konnte 1926 die Grabungen wieder aufnehmen und schlug aufgrund einiger weniger Inschriften, die einen Zusammenhang mit der Ausübung ägyptischer Religion herstellten, vor, den Tempel als Serapis-Heiligtum zu interpretieren. Von 1990 bis 1992 setzte P. Scherrer mit G. Langmann und F. Hueber die Grabungen vor allem in den Säulenhallen fort. Obwohl Zweifel an der Interpretation als Serapeion aufkamen und einige Aspekte des Tempels hinsichtlich seiner Nutzung, seiner Chronologie und auch seiner Widmung noch nicht geklärt sind, hat sich die Bezeichnung ›Serapeion‹ für den Tempel etabliert.

›Projekt Serapeion‹


In einem neuen Projekt widmet sich ein interdisziplinäres Team den vielfältigen Facetten des Tempels, die in einem neuen Interpretationskonzept veröffentlicht werden sollen. Aus dem Bereich der Bauforschung hat T. Schulz-Brize (TU Berlin) den Bau mit Studentinnen der Universität Würzburg und der TU Berlin neu aufgenommen. G. A. Plattner (Ephesos Museum, KHM) untersucht die Bauornamentik, H. Taeuber (Universität Wien) analysiert die epigrafischen Zeugnisse, M. Steskal und T. Koch haben Grabungen in der Cella und im Hofbereich durchgeführt. L. Rembart arbeitet die Keramik aus sämtlichen Grabungen auf, und N. Schindel (ÖAW) widmet sich den Fundmünzen. Die Konservierung der frei liegenden Bauglieder und Wände unternahm M. Pliessnig. A. Sokolicek arbeitet die Ideengeschichte auf und bereitet mit dem Team die Publikation der ersten Ergebnisse vor. Die Bestattungen der christlichen Kirche wurden von M. Steskal bereits publiziert.

Das Bauwerk


Der Tempel liegt an der Rückseite des Temenosbezirks auf einem Podium, auf das eine mächtige Freitreppe führt. Die acht prostylen Säulen der Front bekrönten korinthische Kapitelle. Durch die doppelten Seitenwände des Tempels entstand ein Korridor zwischen Cella und Außenmauer. Schmale Treppen an der Tempelrückseite führten in die (nicht erhaltenen) Obergeschosse; wahrscheinlich waren die Treppen von den Korridoren aus zu erreichen. Die Cella (17,24 × 20,18 m) wird im Süden von einer Apsis dominiert. An den Seitenwänden, etwa 1,50 m oberhalb des Bodenniveaus, befinden sich jeweils sechs Nischen, an beiden Seiten der Apsis liegt jeweils eine weitere Nische. In den Nischen waren wahrscheinlich Wasserbecken installiert, die zugehörigen Wasserabläufe haben sich in den Wänden erhalten. Auch die seitlichen Außenmauern hatten Nischen, die allerdings bis auf den Boden reichten und ohne Wasserzufuhr waren. In frühchristlicher Zeit wurde der Tempel in eine Kirche umgewandelt, deren Einbauten an der Ostseite der Cella erhalten sind.

Ephesos, Serapeion. Rekonstruktion der Front (T. Schulz-Brize)
Ephesos, Serapeion. Baubestand und grafische Rekonstruktion (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail, B. Thuswaldner, R. Kalasek)