Eine hellenistische Palastanlage oberhalb des Theaters von Ephesos und ihre Entwicklung bis in die Spätantike

Entgegen seiner kultur- und architekturhistorischen Bedeutung erfuhr ein palastartiges Stadthaus am Westabhang des Panayırdağ in der Forschung bislang nur geringe Beachtung. Für das Verständnis der hellenistischen Stadtplanung und der Entwicklung der Repräsentationsarchitektur in Ephesos ist das Gebäude jedoch von großem Interesse.

Interdisziplinäre Forschungen zeigen, dass oberhalb des Großen Theaters von Ephesos im 2. Jh. v. Chr. ein Quartier entstand, das aus der Stadtlandschaft in vielerlei Hinsicht herausstach. Jahrhunderte hindurch war es von monumentalen Baumaßnahmen geprägt, die Anleihen an zeitgenössischer Palastarchitektur nahmen. Zentrales Gebäude dieses Viertels war ein imposantes Stadthaus, das bereits in den Jahren 1929/1930 partiell freigelegt worden war und zwischen 2009 und 2015 neu untersucht wurde.

Eine hellenistische Palastanlage


Auf einer künstlich angelegten Terrasse oberhalb des Theaters wurde um die Mitte des 2. Jhs. v. Chr. oder kurz zuvor ein mindestens 2.400 m² großes Peristylhaus errichtet. Seine architektonische Gestaltung mit einem weiträumigen Peristylhof und großen Repräsentationssälen erinnert ebenso an hellenistische Palastanlagen wie seine prominente Lage innerhalb der Stadt, die auf eine monumentale Fernwirkung vom Hafen aus abzielte. Angesichts der Zeitstellung und des starken Einflusses pergamenischer Bautraditionen könnte die Anlage als attalidische Verwaltungsresidenz gedient haben.

Die kaiserzeitliche Domus als Verwaltungsresidenz


In der ersten Hälfte des 2. Jhs. n. Chr. wurde das Stadthaus durch die Umsetzung eines gewaltigen Bauprogramms zu einem imposanten Gebäudekomplex von mehr als 10.000 m² Fläche erweitert. Einzelne Bauwerke wie ein monumentaler Apsidensaal oder ein mit Wasserspielen ausgestattetes Nymphäum, das später zur Badeanlage umgebaut wurde, stechen dank ihrer Raumformen und der luxuriösen Ausstattung heraus. Angesichts der architektonischen und städtebaulichen Merkmale scheint es plausibel, dass das Gebäude einem römischen Magistraten, möglicherweise gar dem proconsul Asiae, als offizieller Wohn- und Amtssitz diente.

Der städtebauliche Kontext


Nahezu zeitgleich wurde südlich des Stadthauses auf einer hohen Plattform ein lang gestreckter Versammlungsbau errichtet. Bautypologische Ähnlichkeiten mit kultischen Versammlungsstätten, epigrafische Hinweise auf Kaiserkulthandlungen im Stadtareal sowie die thronende Lage des Baus im Stadtgefüge indizieren, dass er wichtigen sakralen und/oder politischen Zusammenkünften diente. Ebenso wie ein wohl hellenistisches Sockelmonument knapp oberhalb des Theaters illustriert der Versammlungsbau die engen Bezüge des Stadthauses zu weiteren Bauten kollektiver Bedeutung.

Der spätantike Wiederaufbau


Im späten 4. oder frühen 5. Jh. n. Chr. waren alle untersuchten Teilbereiche der Domus von großflächigen Neubaumaßnahmen betroffen, die als Reaktion auf verheerende Erdbebenzerstörungen zu verstehen sein dürften. Deutliche Bezugnahmen auf das Gebäude der Vorgängerphase – etwa in der räumlichen Gliederung, der luxuriösen Ausstattung und der gezielten Bewahrung der repräsentativsten historischen Bausubstanz – lassen daran denken, dass auch die spätantike Domus weiterhin als Verwaltungsresidenz genutzt wurde.

Die Domus im frühen Christentum


Von der ungebrochen herausragenden sozialen Stellung des Hausherrn zeugt auch die Einrichtung einer kleinen Kapelle im Nordosttrakt des Hauses im Laufe des 5. oder früheren 6. Jhs. Sie diente der Abhaltung von Gottesdiensten für einen ausgewählten Personenkreis unter der Anwesenheit von Klerikern. Die endgültige Aufgabe des Stadthauses erfolgte schließlich spätestens im frühen 7. Jh. Ein Zusammenhang mit großflächigeren Veränderungen in der Besiedlungsstruktur von Ephesos scheint naheliegend, doch lassen sich etwaige Kausalbeziehungen derzeit nicht konkret benennen.