Die Obere Agora in Ephesos

Planungs- und Wandlungsprozesse von urbanem Raum zwischen Hellenismus und römischer Kaiserzeit

Die Obere Agora von Ephesos erhielt zwischen der hellenistischen Epoche und der frühen Kaiserzeit ihr städtebauliches Gesicht. Ziel der aktuellen Forschungen ist, die einzelnen Schritte dieses Gestaltungs- und Wandlungsprozesses nachzuzeichnen und Aufschluss über die Funktionen des Areals im urbanen Gefüge zu gewinnen.

Die Obere Agora, der ›Staatsmarkt‹ von Ephesos, das auf einem Sattel zwischen den zwei das Stadtgebiet flankierenden Hügeln gelegene Areal, ist durch das ÖAI bereits zwischen dem Ende der 1950er und der Mitte der 1980er Jahre in größeren Teilbereichen ausgegraben worden. Dabei blieben jedoch wichtige Fragen etwa zur Chronologie der Bebauung ungeklärt, während Ergebnisse hinsichtlich der städtebaulichen Funktionen des Areals als Thesen formuliert wurden, die einer Überprüfung bedürfen. Das aktuelle Projekt unterzieht diesen Forschungsstand, auch anhand bisher nicht veröffentlichter Dokumentationen der früheren Feldarbeiten, einer kritischen Prüfung und entwickelt daraus Aufträge und Ansätze für eigene Nachuntersuchungen am Ort. Diese Untersuchungen bedienen sich eines bauhistorischen und archäologischen Instrumentariums. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die hellenistische Epoche und die frühe römische Kaiserzeit, weil damals entscheidende Schritte zur architektonischen Gestaltung der Oberen Agora erfolgten.

Der Westabschluss der Platzanlage


Die Stützmauer, die den Westabschluss der künstlichen Terrassierung der Oberen Agora bildet, und die im direkten Kontakt mit dieser errichteten Bauten sind Gegenstand einer detaillierten Bauuntersuchung. Sie erlaubt gesicherte Aussagen über Baufolgen, konstruktive Verbindungen sowie über Gestalt und Höhe der verschiedenen architektonischen Elemente. Dafür werden auch zugehörige Bauteile, die derzeit überwiegend im Bereich des sog. Domitiansplatzes lagern, katalogisiert und dokumentiert. Die bisherigen Untersuchungen belegen, dass die Errichtung der Stützmauer allen anderen Baumaßnahmen im westlichen Bereich der Oberen Agora zeitlich voranging. Im oberen Bereich der Stützmauer erhaltene Auslassöffnungen für Abwasser ermöglichen Rückschlüsse auf das ursprüngliche Laufniveau des Platzes, das signifikant unterhalb der kaiserzeitlichen und spätantiken Horizonte lag. Außerdem konnten ein bisher unbemerkt gebliebener Treppenaufgang zwischen dem westlichen Kopfbau der Basilike Stoa und dem sog. Pollio-Monument sowie eine einheitliche Planung und Ausführung der Kammerreihen zu beiden Seiten der sog. Domitiansgasse nachgewiesen werden.

Die Südstoa und das Südostpropylon


Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt ist die bereits durch frühere Grabungen zu mehr als der Hälfte freigelegte, aber gleichsam unpublizierte Südstoa. Durch gründliche Reinigung bereits ausgegrabener Bereiche, gezielt angelegte Sondagen und eine detaillierte Bau- und Bauteiluntersuchung konnten neue Erkenntnisse gewonnen werden. So lässt sich die Geschichte der Stoa nunmehr in eine Reihe von Bau- und Nutzungsphasen gliedern und chronologisch besser eingrenzen. Nach einer vorläufigen Auswertung bauzeitlicher Befunde ist mit einer Errichtung in der ersten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. zu rechnen. Spätestens im fortgeschrittenen 6. Jh. n. Chr., als ein Münzschatz in der Rückwand versteckt wurde, lag die Stoa wohl in Trümmern. Im Erstzustand erstreckte sie sich bedeutend weiter nach Osten, als bisher angenommen. Die Gesamtlänge der zweigeschossigen Halle betrug zu dieser Zeit rund 160 m. Die Verkürzung steht möglicherweise im Zusammenhang mit der Errichtung des kleinen Torbaus im Südosten der Oberen Agora, der nach den vorläufigen Ergebnissen der Grabung 2016 wohl um die Zeitenwende entstand. Vielleicht gleichzeitig erhielten die Südstoa und damit auch die Obere Agora einen monumentalen neuen Eingang etwa in der Mitte der Hallenrückwand.