Graue Ware aus Ephesos

Als Graue Ware wird eine Gruppe sehr spezifischer Gefäße bezeichnet, die in Ephesos vorwiegend im 1. Jh. v. Chr. hergestellt wurde. Kennzeichnend sind darunter große Platten, die zum Servieren von Speisen gedient haben. Die letzte Produktionsphase, die in das erste Viertel des 1. Jhs. n. Chr. fällt, ist durch einzigartige Gefäßtypen gekennzeichnet, die Metallvorbilder imitieren. In der römischen Kaiserzeit findet die Graue Ware keine Fortsetzung und wird durch die Sigillata substituiert.

Ephesos, Graue Ware. Runde Platte des 1. Jhs. v. Chr. (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)

Graue Ware – ein Überblick


Im ausgehenden 2. Jh. v. Chr. beginnen die ephesischen Töpfereien, beeinflusst durch die Eastern Sigillata A, mit der Herstellung von grau gebrannten Gefäßen, die einen dicken, schwarz glänzenden Überzug tragen und dadurch metallischen Glanz nachahmen. Auch wenn die Leitform der Ware große Platten sind, die zum Tranchieren und Servieren von Speisen gedient haben, lassen sich im Formenrepertoire auch Teller, Schüsseln, Schalen, geschlossene Gefäße und sogar Lampen nachweisen. Eine Sonderstellung nehmen Tabletts unterschiedlicher Form ein, die der letzten Produktionsphase in der frühen römischen Kaiserzeit zuzurechnen sind und Prototypen aus Metall nicht verleugnen können. Sie wurden anders als die hellenistischen Platten auch nicht auf der Töpferscheibe hergestellt, sondern aus der Form gewonnen. Nur wenige Gefäße der Grauen Ware zeigen Verzierungen, in den meisten Fällen Stempeldekor, dessen Motive sich auch auf den Reliefbechern aus Ephesos wiederfinden. Eine lokale Herstellung der Grauen Ware ist aufgrund von petrografischen und chemischen Analysen erwiesen. Die Tonzusammensetzung ist sehr homogen, sodass von spezialisierten Werkstätten in der unmittelbaren Umgebung der Stadt auszugehen ist. Die Graue Ware erfreute sich in Ephesos großer Beliebtheit und wurde kaum exportiert. Nur die Platten finden sich vereinzelt im gesamten Mittelmeer-, aber auch beispielsweise im Alpenraum, wie Funde aus Südtirol und Kärnten belegen. 

Materialbasis


Im Rahmen einer Dissertation wurde der gesamte ephesische Fundbestand auf Graue Ware hin durchgesehen, wobei insgesamt 5.441 Fragmente identifiziert und davon 1.128 diagnostisch ausgewertet werden konnten. Im Zentrum der Untersuchung standen Fragen zur Chronologie und Typologie, darüber hinaus wurden Herstellungstechnologie und Funktionalität behandelt sowie eine wirtschafts- und kulturhistorische Auswertung unternommen. 

Ergebnisse


Das wichtigste Ergebnis ist zweifelsohne eine konzise Typochronologie aller Gefäßtypen sowie eine Feinklassifikation der großen Produktionsserien von Platten und Tabletts. Die Grundlage für diese Analyse bildeten zahlreiche gut datierte Fundkomplexe aus den Hanghäusern, der Tetragonos Agora und anderen Fundplätzen in Ephesos, die eine absolutchronologische Einordnung erst ermöglichten.

Ein für die Keramikforschung essenzielles Resultat ist die typologische Subgruppierung der Platten, die erstmals eine konkludente Entwicklungslinie für das 1. Jh. v. Chr. erlaubt, bevor in augusteischer Zeit die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Formen deutlich zunimmt. Die Experimentierfreudigkeit der Töpfer im frühen 1. Jh. n. Chr. zeigt sich auch am Produktionsbeginn der Tabletts, die als Bestandteil des gehobenen Tafelgeschirrs etwa ein halbes Jahrhundert lang ausschließlich in Ephesos zirkulierten.

Abgesehen von den Platten und Tabletts werden zwar auch andere Gefäßformen wie Schalen und Teller hergestellt, allerdings treten diese nur als Einzelstücke in Erscheinung. Daher ist davon auszugehen, dass in den auf Platten/Tabletts spezialisierten Werkstätten zwar mit andere Formen experimentiert wurde, diese allerdings nicht mit der zeitgleichen Sigillata konkurrierten und sich auch nicht durchsetzen konnten.

Die Herstellung der Grauen Ware bleibt ein auf den späten Hellenismus beschränktes Phänomen. Bereits ab dem zweiten Viertel des 1. Jhs. n. Chr. ist ein deutlicher Produktionsrückgang zu beobachten, der mit dem Aufstieg der regionalen Eastern Sigillata-Produktion einhergeht. Schon um die Jahrhundertmitte waren die grauen Gefäße beinahe vollständig aus dem Repertoire an Tafelgeschirr in Ephesos verschwunden.

Ephesos, Graue Ware. Tablett der augusteischen Zeit (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)
Ephesos, Graue Ware. Stempelmotiv: Delfin (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)