Bernsteinobjekte aus dem Artemision von Ephesos

Die Bernsteinobjekte aus dem Artemision von Ephesos stellen einen der bedeutendsten Fundkomplexe ihrer Art aus einem frühgriechischen Heiligtum dar. Das Rohmaterial stammt aus dem Ostseeraum. In Ephesos wurde es nach italischen Vorbildern zu Schmuck verarbeitet, der schließlich als prestigeträchtiges Weihgeschenk der Göttin Artemis dargebracht wurde.

Ephesos, Bernsteinköpfchen aus dem Artemision (Foto: KHM Wien /N. Gail)
Ephesos, Fibel aus Bernstein- und Beinelementen aus dem Artemision (Foto: KHM Wien/N. Gail)

Exotisches Material von der Ostsee


Bernsteinobjekte sind in frühgriechischen Heiligtümern sehr selten. Das Rohmaterial musste von weither aus dem Ostseeraum importiert werden, wie Materialanalysen an den ephesischen Funden bestätigten. Schmuck und kleine Figuren aus Bernstein waren in der Ägäis exotische Gegenstände und hatten daher einen hohen Prestigewert. Umso beeindruckender ist die Zahl von über 700 Objekten, die während der Grabungen im Artemision geborgen werden konnten.

Schmuck für die Göttin


Unter den Bernsteinobjekten gibt es nur wenige figürliche Stücke, darunter zwei menschliche Köpfchen in geometrischem Stil, die ursprünglich wohl als Ohrringe verwendet wurden. Der Großteil der Funde sind Perlen und Anhänger, die zu Gürteln, Halsbändern und Behängen zusammengesetzt waren. Anhand der Durchbohrungen lässt sich eine mögliche ursprüngliche Anordnung rekonstruieren. Andere Stücke wurden direkt auf den Stoff genäht oder dekorierten Fibeln und Nadeln, mit denen die Gewänder zusammengehalten wurden. Solche reich mit Bernstein verzierten Gewänder wurden der Göttin als besondere Geschenke dargebracht. Vorbilder für derartigen Schmuck finden sich vor allem im eisenzeitlichen Italien. Besondere Herstellungstechniken weisen nach Italien, insbesondere nach Verucchio, einem etruskischen Zentrum am Südrand der Poebene. Gürtel aus Bernstein sind dagegen im südlichen Italien durch Funde aus den oinotrischen Nekropolen im Hinterland der heutigen Basilikata dokumentiert. An der Küste dieser Region lag die von ionischen Griechen gegründete Polis Siris, die in kulturellem und wirtschaftlichem Austausch mit Ionien stand.

Griechische Handwerker arbeiten nach italischen Vorbildern


Ephesos, Halbfabrikat aus rohem Bernstein mit Bohrlöchern aus dem Artemision (Foto: Leopold-Franzens-Universität Innsbruck/M. Ott)

Die griechischen Handwerker, die in Ephesos das ihnen fremde Material Bernstein zu Schmuck verarbeiteten, übernahmen dafür wohl Vorbilder aus dem eisenzeitlichen Italien. Einige der Fundstücke könnten auch italische Importe sein, die meisten wurden aber sicher lokal angefertigt. Zwei Halbfabrikate aus rohem Bernstein mit Bohrlöchern zeigen, dass vor Ort im Artemision eine Werkstatt tätig war, die im 7. Jh. v. Chr. aus Bernstein Schmuck und Intarsien für Geräte und Möbel aus Holz anfertigte. 

Deponierungen im Naos 2


Der Schmuck aus dem seltenen und exotischen Material Bernstein zählte zu dem wertvollsten Besitz der Göttin. Zwei große Fundgruppen waren offenkundig als Bauopfer im Naos 2 deponiert worden (in der Grünschieferbasis und unterhalb des Tempelbodens). Dieser Tempel – insgesamt der zweite im Artemision – wurde um 640/620 v. Chr. errichtet und liefert damit einen terminus ante quem für die Schmuckstücke.