Architektur und Funktion eines öffentlichen Gästehauses in Aigeira

Ein vom 4. bis zum 1. Jh. v. Chr. genutztes Gästehaus in Aigeira bildet eine Besonderheit im synchronen Architekturspektrum. Bautypologisch wird der Grundriss des typisierten spätklassischen Wohnhauses für diese Nutzung adaptiert. Für die urbanistische Entwicklung Aigeiras stellt der Bau ein Bindeglied zwischen der vorhellenistischen und der hellenistischen Stadtanlage dar.

Von 1999 bis 2011 wurde in Aigeira, Flurbereich Solon, ein ausgedehnter Baukomplex ausgegraben, 2012 und 2013 wurden abschließende Dokumentationsarbeiten vorgenommen

Freigelegt wurde ein im Grundriss gut erhaltenes Gebäude, dessen Funktion über mehrere Bauphasen als öffentliches Gästehaus zu bestimmen ist. Gegründet wurde der Bau in der Mitte des 4. Jhs. v. Chr. Zu Beginn des 3. Jhs. v. Chr. wird das Gebäude nach Süden hin erweitert; nach mehreren punktuellen Bauänderungen wird der Komplex gegen Ende des 1. Jhs. v. Chr. intentionell aufgelassen.

Bau- und Funktionstypologie


Die Gründungsphase entspricht dem Typus des vereinheitlichten Wohnhauses des 5. und 4. Jhs. v. Chr., welches im Rahmen einer regelmäßigen Stadtplanung entwickelt wurde. Die diagnostischen Raumausstattungen und die Raumanordnung weisen allerdings auf eine andersgeartete Nutzung des Gebäudes. Anstelle des für den privaten Wohnbau verbindlichen Oikos befindet sich ein repräsentativer Bankettraum für maximal 11 Klinen, der mit einem figürlichen Kieselmosaik ausgestattet ist. Darüber hinaus verfügt der Bau im Zugangsbereich über einen Baderaum mit vier Sitzbadewannen, sodass im Unterschied zu dem kanonischen Wohnhaus eine öffentliche Bestimmung als Gästehaus abzuleiten ist. Auch die konsequente Wiederverwendung großformatiger, bearbeiteter Steinblöcke im Fundament belegt den öffentlichen Charakter. Somit liefert der Bau einen Beleg für eine flexible Adaption des typisierten Wohnhauses zu einem funktional anders gewidmeten Gebäude, was auch in anderen urbanen Kontexten gezeigt werden konnte.

Der in der Erweiterungsphase des 3. Jhs. v. Chr. angebauten Südflügel umfasste auch einen weiteren Bankettraum und einen Baderaum sowie einen repräsentativen Peristylhof. Die ursprüngliche Funktion des Gästehauses wurde damit beibehalten und im spezifischen Raumprogramm noch deutlich vergrößert.

Typologie des Gästehauses


Der Begriff des Gästehauses im urbanen Kontext bleibt zunächst unscharf, da derartige Gebäude im synchronen Architekturspektrum kaum belegt sind – im Gegensatz zu Gästehäusern beispielsweise in Heiligtümern. Daraus ergibt sich die Frage nach einer lokalspezifischen Erklärung. Fungierte Aigeira im Rahmen des Achäischen Bundes auch als Tagungsort, ist es durchaus denkbar, dass das Gästehaus als temporärer Aufenthalts- oder Wohnort der Versammlungselite genutzt wurde.

Städtebauliche Funktion


Hinsichtlich der urbanistischen Entwicklung der Polis Aigeira liegt die Gründungsphase des spätklassischen Gebäudes deutlich vor der Einrichtung der großdimensionierten Flächenstadt des 3. Jhs. v. Chr. Der Bau ist sowohl topografisch als auch chronologisch noch der archaisch-klassischen Siedlung zuzurechnen, die sich im erweiterten Umfeld der sog. Akropolis ausbreitete.

Trotz der Verlagerung des öffentlichen Zentrums in den Bereich der hellenistischen Stadtanlage wurde das Bauwerk zumindest bis in den ausgehenden Hellenismus in seiner Gründungsfunktion beibehalten.