Ein besseres Verständnis der Lebensumstände von Menschen im alten Ägypten des späten Mittleren Reiches (ca. 1800–1700 v. Chr) ist das Ziel dieses Projekts. Während über das Reich der Toten relativ viele Fakten bekannt sind, bleiben viele Lebensumstände unerforscht.

In der ägyptischen Archäologie sind umfassende Publikationen von Siedlungsbereichen mit allen Details nach wie vor äußerst selten. Die umfassende Aufnahme von tausenden Keramikfragmenten und hunderten Kleinfunden sowie den bereits analysierten Tierknochen (J. Boessneck†, A. Von den Driesch†) der ungeplanten Siedlung des späten Mittleren Reiches in Areal A/II in den Phasen H, G/4 und G/3-1 bietet daher die günstige Gelegenheit, eine altägyptische Siedlung mit vielen Details zu publizieren und dadurch einerseits kostbare Primärdaten und andererseits Material für Vergleiche zur Verfügung zu stellen.

Diese drei übereinander liegenden Siedlungsphasen wurden vermutlich von Menschen aus den unteren Schichten bewohnt. Dies kann aus der Größe der Häuser und den erhaltenen Hausinventaren geschlossen werden. Das Projekt rekonstruiert die Lebensumstände der Menschen im marschähnlichen Delta Ägyptens im späten Mittleren Reich. Neben der Schlammziegelarchitektur, die typisch für altägyptische Wohnbauten ist, wurden Rundsilos zur Speicherung von Getreide, Feuerstellen, industrielle Öfen und unregelmäßige Verbindungswege ans Licht gebracht.

Die Wohnhäuser dieser Siedlung werden systematisch beschrieben und gemeinsam mit den Funden vorgestellt und analysiert. Keramik- und Steingefäße, Steingeräte und Figurinen aus Fayence und Hartgesteinobjekte bilden die häufigeren Fundkategorien. Die bereits publizierten Tierknochenanalysen wurden ebenfalls eingeschlossen, sodass Information zur Ernährung der Bewohner gegeben werden kann. Importierte Keramikgefäße aus der Levante und Oberägypten geben Einblicke in das Warenaustauschnetzwerk mit diesen Gebieten.

Der vorgestellte Siedlungstyp ist bisher nicht durch die bekannten Siedlungen abgedeckt. Die Anordnung erfolgte unregelmäßig mit individuellen Häusern, die weder in Größe noch in Grundriß einheitlich sind. Eine solche Anlage, die man als organisch gewachsen bezeichnen könnte, steht im Gegensatz zu den geplanten orthogonalen Siedlungen, die als typisch für Ägypten bezeichnet werden und die aus Lahun oder den nubischen Forts bekannt sind. Darüber hinaus kann durch die Vorlage von drei aufeinanderfolgenden Siedlungsschichten die Entwicklung dieser Siedlung über einen Zeitraum von etwa 100 Jahren nachgezeichnet werden.

Bereits erschienen: Tell el-Dabʿa XXIV. The Late Middle Kingdom Settlement of Area A/II. A Holistic Study of Non-élite Inhabitants of Tell el-Dabʿa – Vol. 1. The Archaeological Report, the Excavations from 1966 to 1969 (Wien 2020).

Der erste Band behandelt den westlichen Teil des Tells A/II und beinhaltet die Beschreibung von 18 Quadranten, A/II-k–o/10–13, ca. 1600 m² in den drei Phasen H, G/4 und G/3-1. Die Teilung des Befundes in zwei Bände ist in der Grabungsgeschichte begründet. Der westliche Teil wurde von 1966 bis 1969 ausgegraben, während der östliche ab 1975 erforscht wurde. Im Lauf der Zeit entwickelte sich die Grabungstechnik weiter und auch die Menge der archäologischen Funde, die zur Neuaufnahme zur Verfügung stand, war für die spätere Periode weitaus höher, weshalb der Befund in zwei Bände aufgeteilt wurde. Das Buch bietet eine eingehende Beschreibung der Funde und Befunde der Hausbezirke 10, 11, 12, 13 und 14 mit Fundumständen. Der spezielle Charakter dieser Siedlung liegt in der losen Anordnung von unregelmäßigen Hausbezirken verschiedener Größe, die als solche bisher weder in Ägypten noch in der Levante nachweisbare Parallelen im späten Mittleren Reich haben.

Projektleitung

Bettina Bader