Die Rekonstruktion der Beziehungen zwischen den verschiedenen Regionen Ägyptens während des späten Mittleren Reiches und der Zweiten Zwischenzeit ist eine komplexe Aufgabe. Schriftliche Quellen sind rar, so dass man sich auf die materielle Kultur stützen muss. Durch die Untersuchung von Keramik mittels Netzwerkanalyse soll dieses Projekt dazu beitragen, die internen Wechselwirkungen in Ägypten während einer Zeit des politischen Umbruchs zu verstehen.

Das Projekt untersucht, wie Stätten in Ägypten miteinander interagierten und wie sich diese Interaktionen zwischen ca. 1850 und 1550 v. Chr. entwickelten. Diese Zeitspanne umfasst das späte Mittlere Reich und die Zweite Zwischenzeit (ca. 1775–1550 v. Chr.). Letztere war sowohl durch politische als auch kulturelle Brüche gekennzeichnet, während die erstere Periode noch eine Zeit der politischen Einheit unter einem König war. Allerdings lassen sich bereits Anzeichen für eine Schwächung der Herrscherdynastie und eine beginnende Regionalisierung der materiellen Kultur erkennen.

Ziel der Untersuchungen ist es, unser Wissen über diese Zeit der politischen und kulturellen Spaltung durch die Anwendung von Netzwerkanalyse auf ein breites Spektrum von Keramikfunden aus zeitgenössischen Fundorten in Ägypten zu erweitern. Die Konzentration auf Keramik hat den Vorteil, dass es sich dabei um die häufigste und am besten dokumentierte Objektgruppe für den untersuchten Zeitraum handelt. Der Schwerpunkt liegt auf Keramiktypen, die nicht nur in verschiedenen Regionen Ägyptens während des untersuchten Zeitraums weit verbreitet sind, sondern auch zwischen diesen Regionen variieren und aufgrund ihres raschen Wandels leicht datiert werden können. Im Mittelpunkt dieses Projekts steht die Netzwerkanalyse. Dabei handelt es sich um ein quantitatives und statistisches Verfahren, das es durch die Berechnung mathematischer Algorithmen und die Erstellung von Diagrammen mit Hilfe digitaler Werkzeuge ermöglicht, Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen festzustellen, basierend auf Art und Umfang ihrer Gemeinsamkeiten. In diesem Fall handelt es sich um Gruppen ägyptischer Fundstätten aus der Zeit von ca. 1850–1550 v. Chr., die auf Grundlage der Keramiktypen untersucht werden, die sie gemeinsam haben (oder auch nicht). Jeder Keramiktyp ist durch spezifische Merkmale charakterisiert (z. B. Material, Form, Technik und Oberflächenbehandlung).

Durch die Anwendung der Netzwerkanalyse wird dieses Projekt geografische Bereiche identifizieren, in denen die Fundorte mehrere Keramiktypen gemeinsam haben und somit Regionen bilden, und rekonstruieren, wie diese Regionen interagierten. Es wird nachgezeichnet, wie die verschiedenen Materialien und Formen, die für die analysierte Keramik charakteristisch sind, verbreitet waren und wie sich diese Verbreitung im Laufe der Zeit entwickelte, d. h. ob sie sich von einem Gebiet auf ein anderes ausbreitete, von einem bestimmten Gebiet ausging und sich im übrigen Ägypten verbreitete oder ein lokales Merkmal blieb. Die systematische und quantitative Analyse der Keramiktypen, die den verschiedenen Fundorten gemeinsam sind, sowie der Vergleich der Ergebnisse mit den Kenntnissen über die politische Situation des untersuchten Zeitraums und mit der Verbreitung von Stein- und Metallobjekten, die aus den jeweiligen Gebieten stammen, wird es ferner ermöglichen, die politischen Entwicklungen dieser Zeit und den Austausch zwischen verschiedenen Orten zu beleuchten.

Schließlich kann ein Vergleich der Kontexte, in denen ähnliche Keramiktypen gefunden wurden, Aufschluss darüber geben, ob sie auf ähnliche oder unterschiedliche Weise verwendet wurden.

Projektleitung

Arianna Sacco

Laufzeit

09/2021–08/2023

Finanzierung

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