Bioarchäologische Untersuchungen an den menschlichen Skelettresten von Qurayyah

Zur Charakterisierung der Lebensbedingungen in Nordarabien im 2. Jahrtausend v. Chr.

Bioarchäologische Untersuchungen der menschlichen Skelettreste aus Qurayyah sollen beitragen, die bisher kaum erforschten Lebensbedingungen im nördlichen Arabien während des 2. Jts. v. Chr zu charakterisieren. Ziel des Projekts in Zusammenarbeit mit dem Institut für Orientalistik (Wien) ist die Erforschung der kulturellen, politischen und sozialen Prozesse in der Region im Einflussbereich zwischen Mesopotamien, der Levante und Ägypten.

Blick über die Siedlung Qurayyah (Foto: ÖAW-ÖAI/M. Binder)

Fragestellungen und Projektziele


Bestreben der bioarchäologischen Untersuchung der menschlichen Skelettreste aus den archäologischen Grabungen der Siedlung Qurayyah (Saudi Arabien) ist es, nicht nur wichtige Parameter über die Siedlung selbst zu erfahren, sondern Licht auf die Geschichte einer bisher wenig erforschten Region an der Schnittstelle zwischen dem Pharaonischen Reich, der Levante, dem mesopotamischen und dem südarabischen Raum zu werfen. Damit können sowohl neue Erkenntnisse für das Verständnis der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen dieser Kulturen im 2. Jts. als auch zu Technologie, Wirtschaftsweise und Resilienz von Siedlungen unter marginalen Umweltbedingungen gewonnen werden. Hauptaugenmerk der Untersuchung der Skelettreste aus Qurayyah liegt dabei auf einer Rekonstruktion der Lebensbedingungen durch paläopathologische Analysen wie auch auf einer Untersuchung von Ernährungsgewohnheiten (Analyse von Kohlenstoff- und Stickstoff-Isotopen), von Mobilität und Bevölkerungsstruktur (Skelettmorphologie, Strontium-Isotope).

Forschungsgeschichte


Die Oase Qurayyah liegt im Norden Saudi Arabiens, etwa 70 km nordwestlich der modernen Stadt Tabuk. Ausdehnung, Position und Fundmaterial an der Oberfläche der archäologischen Fundstelle deuten darauf hin, dass es sich um den bedeutendsten strategischen Handelsposten an der Haupthandelsroute zwischen Hejaz, der Levante und Ägypten handelte. Obwohl die antike Siedlung Qurayyah bereits früh als eine der größten und wichtigsten Siedlungen in Nordwestarabien beschrieben wurde, befindet sich die systematische archäologische Erforschung der Region gerade erst in ihren Anfängen. Archäologische Feldarbeiten am Fundort selbst begannen 2015 durch ein österreichisch-saudisches Forschungsprojekt, durchgeführt in Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Orientalistik der Universität Wien und der Saudi Commission for Tourismand National Heritage unter der Leitung von M. Luciani. Projektziel ist eine multidisziplinäre Erforschung der Siedlung Qurayyah zur Erhellung von Chronologie, Siedlungsgeschichte, Funktion, Subsistenz und naturräumlichen Gegebenheiten im Umkreis der Siedlung .

Charakterisierung der Siedlung und bisherige archäologische Ergebnisse


Oberflächenfunde und architektonische Reste erlauben eine erste Charakterisierung der Siedlung. Das Areal der archäologischen Fundstelle erstreckt sich über Hunderte Hektar, mehrere Komponenten konnten bisher identifiziert werden. Umgeben ist die Siedlung von zahlreichen Feldern, die teilweise von Steinmauern begrenzt sind. 2 km südlich der Siedlung deuten Steinsetzungen auf einem Plateau auf die Anwesenheit eines Tempels hin. Im Zentrum der Siedlung findet sich ein 50 m hohes Felsplateau im Südwesten, ein von einer Stein- und Lehmziegelmauer umgebener Wohnbezirk im Nordosten sowie eine Reihe von Mauern und Gräben, die diese beiden Teile verbinden. Am etwa 35 ha großen Plateau finden sich die Reste doppelter Reihen monumentaler Steinmauern mit angeschlossenen Wachtürmen, mehrere Vertiefungen, die schließlich als Gräber benutzt wurden, sowie ein frei stehender Turm. Der sog. Wohnbezirk, in dem 2015 erstmals archäologische Grabungen durchgeführt werden konnten, umfasst etwa 12 ha und beinhaltet Reste von Stein- und Lehmziegelarchitektur. Darüber hinaus deuten Oberflächenfunde von Schlacke, Tonscherben und anderen Abfallprodukten auf eine Reihe von Keramikwerkstätten. Eine erste Analyse dieser Funde sowie Keramik aus anderen Bereichen der Siedlung legen eine Nutzung im 2. Jts. v. Chr. nahe. 

Grabstätten in Qurayyah


Die funeräre Landschaft in und um Qurayyah zeigt sich ausgesprochen vielfältig. Bisher konnten durch Oberflächenbegehungen Bestattungsplätze aus vielen Phasen der Besiedlung vom Neolithikum bis vermutlich in die moderne Zeit dokumentiert werden. Archäologische Ausgrabungen wurden bislang in einem verlassenen Keramikbrennofen, der sekundär in der Spätbronzezeit als Bestattungsort verwendet worden war, sowie an zwei großen früh- und mittelbronzezeitlichen Grabkomplexen mit zahlreichen Bestattungen durchgeführt.

Qurayyah, schlecht verheilte Oberschenkelfraktur aus einem der beiden bronzezeitlichen Grabkomplexe (Foto: ÖAI-ÖAW/T. Jachs)