LEBEN UND TOD IN DEN NAPOLEONISCHEN KRIEGEN

Auch wenn die Napoleonischen Kriege in schriftlichen Quellen sehr gut belegt sind, fehlen zumeist die Geschichten Hunderttausender einfacher Soldaten, die für die europäischen Mächte ihr Leben ließen. Die Toten aus Massengräbern der Schlachten von Aspern und Wagram (1809), die seit 2008 im Vorfeld großer Bauprojekte bei archäologischen Ausgrabungen freigelegt wurden, ermöglichen nun anhand bioarchäologischer Untersuchungen einen Einblick in die Lebensbedingungen dieser Soldaten. Die Skelette erzählen von Mangelernährung, chronischen Infektionskrankheiten, Verletzungen, starker körperlicher Belastung und nicht zuletzt vom oft grausamen Tod auf dem Schlachtfeld. Das Projekt wird in Kooperation mit der Stadtarchäologie Wien und Novetus GmbH durchgeführt.

Durchschuss des Schädels mit Eintritts- und Austrittswunde an einem Soldaten vom Schlachtfeld von Aspern (M. Binder/ÖAW-ÖAI)
Durchschuss des Schädels mit Eintritts- und Austrittswunde an einem Soldaten vom Schlachtfeld von Aspern (Foto: ÖAW-ÖAI/M. Binder)

Napoleon vor den Toren Wiens: die archäologischen Zeugnisse 


1809 war das Gebiet nordöstlich von Wien Schauplatz von zwei der größten und blutigsten Schlachten der Napoleonischen Kriege: Aspern am 22./23. Mai und Wagram am 5./6. Juli 1809. Während Erzherzog Karl bei Aspern Napoleon erstmals eine Niederlage zufügen konnte, ging die Schlacht bei Wagram sechs Wochen später verloren und damit auch der 5. Koalitionskrieg. Ließen bei Aspern etwa 50.000 Soldaten ihr Leben, wird die Zahl der in der Schlacht von Wagram Gefallenen auf etwa 15.000 geschätzt. Im Bereich beider Schlachtfelder kam es in den letzten Jahren im Zuge großer Bauprojekte zu Bodeneingriffen, bei denen Massengräber der beiden Schlachten archäologisch dokumentiert werden konnten.

Massengrab von gefallenen Soldaten am Schlachtfeld von Aspern (M. Penz/Stadtarchäologie Wien)
Massengrab von gefallenen Soldaten am Schlachtfeld von Aspern (Foto: Stadtarchäologie Wien/M. Penz)

Aspern 1809: Ort Napoleons erster Niederlage


Bereits seit dem frühen 20. Jh. kam es verbunden mit Bauarbeiten im Bereich des Asperner Schlachtfelds immer wieder zu systematischen archäologischen Ausgrabungen. Seit 2008 aber führt das bisher größte Bauprojekt, die Errichtung der sog. Seestadt von Aspern, laufend zur Entdeckung von Zeugnissen der Schlacht, zumeist Massengräbern und Pferdebestattungen, die von der Stadtarchäologie Wien unter der Leitung von M. Penz und S. Sakl-Oberthaler (bis 2016) systematisch erfasst wurden; die anthropologische Auswertung der Bestattungen lag bei M. Binder.

Insgesamt konnten von 2008–2017 etwa 90 Individuen in Einzel-, Doppel- und Mehrfachbestattungen mit bis zu 22 Toten dokumentiert werden. Die Gräber machen deutlich, dass die Toten am Ort ihres Ablebens bestattet wurden. Eine Zuordnung zu einer der beiden Armeen war jedoch wegen des Fehlens von Uniformbestandteilen (vermutlich wurden die Toten beraubt) zumeist nicht möglich. 

Nichtverheilte ›Marschfraktur‹ (Bruch des Mittelfußknochens durch Überbelastung) an einem jungen Soldaten vom Schlachtfeld von Wagram (Foto: J. Kreuzer/ÖAW-ÖAI)
Nichtverheilte ›Marschfraktur‹ (Bruch des Mittelfußknochens durch Überbelastung) an einem jungen Soldaten vom Schlachtfeld von Wagram (Foto: ÖAW-ÖAI/J. Kreuzer)

Die archäologischen Forschungen am Schlachtfeld bei Wagram 1809 


Im Bereich des Schlachtfelds von Wagram erfolgen im Vorfeld der Bauarbeiten für die Marchfeld-Schnellstraße S8 seit 2017 archäologische Ausgrabungen durch die Wiener Grabungsfirma Novetus GmbH (Grabungsleitung: S. Konik), finanziert vom Bauträger Asfinag. Wie schon in Aspern beobachtet, wurden die Toten in einfachen Gruben gleich am Schlachtfeld bestattet. Im Gegensatz zu der oft relativ geordneten Niederlegung in Aspern wurden die Gefallenen in Wagram jedoch in den unregelmäßigen Gruben lediglich lose übereinander gestapelt.

Seit 2017 werden die Skelette im anthropologischen Labor des ÖAI von H. Grabmayer (Novetus GmbH) unter der Betreuung von M. Binder wissenschaftlich untersucht. 2017 wurden insgesamt 45 Skelette übergeben, die archäologischen Ausgrabungen laufen jedoch auch 2018 weiter. 

Das Leben in der Armee – der Tod auf dem Schlachtfeld


Hauptaugenmerk der wissenschaftlichen Untersuchungen an den Skeletten von beiden Schlachtfeldern ist neben der Dokumentation der Kampfverletzungen die Rekonstruktion der Lebensbedingungen der Männer während ihrer Zeit in der Armee, aber auch schon während ihrer Kindheit. Dabei kommen für die Dokumentation pathologischer Veränderungen an den Knochen standardisierte bioarchäologische Methoden zum Einsatz.

Bereits festgestellt werden konnten eine überraschend viele Anzeichen chronischer Erkrankungen wie Lungenentzündungen oder Mangelernährung, die zum Zeitpunkt des Todes größtenteils noch aktiv waren und darauf hindeuten, dass die Soldaten weit entfernt vom Höhepunkt ihrer körperlichen Fitness waren, als sie in die Schlacht zogen. Auch nichtverheilte Brüche, Gelenks- und Knochenhautentzündungen, die auf die starke Überbelastung während der langen Märsche zurückzuführen sind, waren häufig zu beobachten. Der Vergleich zwischen den Gefallenen der beiden Schlachten lassen darüber hinaus auch gewisse Unterschiede erkennen: So ist etwa bei den Toten von Wagram eine deutlich höhere Frequenz an Anzeichen chronischen Vitamin-C-Mangels festzustellen, was möglicherweise auf die längere Zeit im Feld zurückzuführen ist.

Die Ergebnisse der laufenden Untersuchungen werden neben Publikationen und Vorträgen im Rahmen der Ausstellung »Krieg – Auf den Spuren einer Evolution«, die am 23. 10. 2018 am Naturhistorischen Museum in Wien eröffnet wird, präsentiert.