Landscape und Cityscape: Analyse einer Landschaft im ägyptischen Delta

Tell el-Dab’a/Avaris, Hauptstadt der Hyksos, liegt im östlichen Nildelta am Pelusischen Nilarm. Da sich die moderne Landschaft von der antiken massiv unterscheidet, ist die Rekonstruktion der antiken Stadt und ihrer Einbettung in die ursprüngliche Landschaft ein grundlegender Teil der Untersuchungen an diesem Fundplatz.

Tell el-Dab’a, Übersichtsplan der geophysikalische Prospektion (Plan: ÖAW-ÖAI/A. Hassler)

Lage der Stadt und des Hinterlandes


Der Fundplatz Tell el-Dab’a befindet sich im nordöstlichen Nildelta in der modernen Provinz Sharqeya. Das antike Avaris lag am Pelusischem Nilarm, dem östlichsten Deltaarm, in einer strategisch wichtigen Lage am Ausgangspunkt zwischen dem ägyptischen Niltal und dem Vorderen Orient. Die Stadt ist mit einer Ausdehnung über 260 ha eine der größten Städte des Vorderen Orients im 2. Jts. v. Chr. Da der Nil und seine Seitenarme der Hauptverkehrsweg und das wichtigste Fortbewegungsmittel waren, sind das Flusssystem und seine Landeplätze ein wesentlicher Faktor zum Verständnis des Funktionierens einer Stadt im Alten Ägypten.

Zielsetzung des Projekts


Die Untersuchung der Landschaft war ein wesentliches Element der Forschung in Tell el-Dab’a/Avaris, lange bevor der Begriff ›Landschaftsarchäologie‹ überhaupt innerhalb der Archäologie aufkam. Da sich die moderne Deltalandschaft von der antiken vor allem aufgrund der großräumigen Modifizierungen in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. fundamental unterscheidet, war die Rekonstruktion der antiken Landschaft ein Hauptziel der Untersuchungen an diesem Fundplatz.

Vorarbeiten


Da das antike Kanal- und Flusssystem fast vollständig verschwunden war, erforderte die Rekonstruktion der Urlandschaft den bis heute umfangreichsten Bohrsurvey in Ägypten: Mit einem einfachen Handbohrer nahm J. Dorner (Wien) mehr als 800 Bohrungen vor. Die geologische und archäologische Auswertung der Bohrkerne führte zu einer ersten Rekonstruktion der antiken Flusslandschaft und zu dem Versuch einer topografischen Karte der antiken Stadt samt vordigitalem Geländemodell. 

Geophysikalische Prospektion


Neben den Bohrungen erwies sich der magnetische Survey als eine äußerst erfolgreiche Prospektionsmethode, wobei in Tell el-Dab’a von Beginn an sowohl ein Caesium- (C. Schweitzer) als auch ein Fluxgate-Magnetometer (T. Herbich) zum Einsatz kamen. Als eine weitere erfolgreiche Methode erwies sich die VES-Widerstandsmessung.

Tell el-Dab’a, C. Schweitzer beim Messen mit Cäsiummagnetometer (Foto: ÖAW-ÖAI/W. Müller)
T. Herbich beim Messen mit Fluxgatemagnetometer (Foto: ÖAW-ÖAI/W. Müller)

Ergebnisse


Durch die Untersuchungen konnte unter Einbindung der geophysikalischen Methoden und der Auswertung von Satellitenbildern (Google Earth- und Corona-Satellitenbildern) ein vollständiger Plan der Stadt und des Hinterlandes erstellt werden. Die gründliche Analyse dieses Plans erlaubt die Identifizierung von städtischen Schlüsselbereichen wie Verwaltungszentren (Areal R/III) oder Häfen (Areal R/IV). Eine herausragende Entdeckung war die bis dahin unbekannte palatiale Anlage der 2. Zwischenzeit in Areal F/II. Durch diese Arbeiten ist es zukünftig möglich, archäologische Ausgrabungen gezielt an Knotenpunkten und Verkehrslinien der Stadt vorzunehmen.