Palynologische Forschungen in Ephesos

Ein Beitrag zur Umwelt- und Vegetationsgeschichte Kleinasiens

In den mit den Bohrungen Eph 228, 269 und 244 erschlossenen Geo-Bioarchiven sind pollenführende Sedimente aus dem Zeitraum zwischen der neolithischen Epoche und dem 1. Jt. n. Chr. überliefert.

Ephesos, Pollenprofil aus dem römischen Hafenbecken (Foto: H. Brückner, F. Stock)

Obwohl bereits Otto Benndorf, erster Grabungsleiter in Ephesos, die Bedeutung der naturräumlichen Gegebenheiten für die Siedlungsaktivität des Menschen erkannte und es in weiterer Folge immer wieder zu geoarchäologischen Untersuchungen im Umland von Ephesos kam, wurden die Bio- und Geoarchäologie erst im Verlauf der letzten fünf Jahre in das Forschungsprogramm aufgenommen und systematisch betrieben.

Mensch-Umwelt-Systeme im Wandel der Zeit


Die Grundlage der interdisziplinären Fragestellungen bildet ein diachroner, holistischer Ansatz, der noch vor die erste Siedlungstätigkeit des Menschen im Neolithikum (8./7. Jts. v. Chr.) zurückreicht und sich bis in die Gegenwart erstreckt. Im Zentrum der Forschungen stehen die Rekonstruktion historischer Mensch-Umwelt-Systeme sowie Fragen nach Transaktions- und Kommunikationsnetzwerken. Damit verzahnt sich die altertumskundlich-archäologische Forschung mit den Sozial- und Umweltwissenschaften, wodurch neben den Artefakten den biogenen Rückständen immer größeres Augenmerk zukommt. 

Geoarchive als Quellen für Pollen


Während Bergung, Dokumentation und Analyse botanischer Makroreste bereits seit den 2000er Jahren konsequent erfolgen, liegen nun drei Bohrkerne aus ehemaligen Seen und dem römischen Hafenbecken vor, die eine pollenanalytische Auswertung erlauben. Nach mehr als 120 Jahren intensiver archäologischer Forschung ist es nun erstmals möglich, die Vegetations- und Landschaftsgeschichte, aber auch die Agrargeschichte von Ephesos auf Basis von Bioarchiven zu schreiben. Bereits die ersten, vorläufigen Analysen haben gezeigt, dass mit den zwei Bohrkernen im Hinterland von Ephesos die Zeitspanne vom Neolithikum bis in das Mittelalter erfasst ist. 

Kultivierte Natur


Neben einer Charakterisierung der natürlichen Vegetation sind unterschiedliche menschliche Einflüsse, wie die Einführung von Weidewirtschaft und Ackerbau in der Prähistorie, die Kultivierung und Nutzung der Olive, aber auch die massiven Umwälzungen und ökologischen Folgen der römischen Landwirtschaft am Pollenprofil deutlich ablesbar. Der dritte Bohrkern, der dem Hafenkanal entnommen wurde und einen Zeitraum vom 3./2. Jh. v. Chr. bis in die spätbyzantinische Periode umfasst, weist eine deutlich unterschiedliche Zusammensetzung auf. Hier dominieren anthropogene Einträge aus der Stadt – beispielsweise über Abwasserkanäle –, wodurch Rückschlüsse auf den Speiseplan und somit auf Ernährungsgewohnheiten, aber auch auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung gezogen werden können.

Vegetation und Landschaft


Mit dem beantragten Projekt wird im Rahmen der Ephesos-Forschungen absolutes Neuland betreten. Erstmals wird es möglich sein, die Vegetations- und Landschaftsgeschichte nicht ausschließlich auf Basis historischer und archäologischer Quellen, sondern im Rahmen interdisziplinär ausgerichteter Fragestellungen unter Anwendung modernster Methoden zu rekonstruieren. Die Gegenüberstellung der Profile aus den Restseen/Sümpfen mit jenen im Hafenbecken von Ephesos bietet die einmalige Chance, eine gleichsam natürliche Vegetationsentwicklung mit einem stark anthropogen beeinflussten Milieu zu vergleichen.

Bohrungen im Restsee von Belevi (Foto: H. Brückner, F. Stock)
Ephesos, Darmparasit aus dem römischen Hafenbecken (Foto: H. Brückner, F. Stock)

Der geografische Rahmen


Das Projekt ist allerdings auch in einen geografisch breiten Kontext zu stellen, da bislang nur wenige vergleichbare Pollenprofile aus Kleinasien vorliegen. So wird mit der vorliegenden Arbeit eine geografische Lücke geschlossen zwischen jenen pollenführenden Bioarchiven im Nordwesten sowie solchen im Südwesten der Türkei. Aus der Region selbst liegt bislang lediglich Vergleichsmaterial vom Bafa Gölü vor.