Das Heiligtum der Artemis Kithone und die frühklassische Siedlung auf der Ostterrasse des Kalabaktepe in Milet

Das Heiligtum der Artemis Kithone war eines der ältesten der Stadt Milet. Ein spätgeometrischer (Kult [?]-)Bau und die Fundamente eines spätarchaischen Tempels mit zugehörigem Altar wurden ausgegraben. Unter den Weihegaben stechen Marmorskulpturen hervor. Laut dem archäozoologischen Befund wurden in den Opfermählern für Artemis vor allem Muscheln verspeist.

Milet, spätgeometrischer Hangbau von Westen, darüber der Altar des Artemistempels (rechts oben) (Foto: Milet-Grabung/D. Johannes)

 

Ein Heiligtum aus den Anfängen der Stadt


Nach der antiken Überlieferung zählte das Heiligtum der Artemis Kithone zu den ältesten Heiligtümern von Milet. Kallimachos nennt die Göttin in seinem Artemis-Hymnos (225–227) Anführerin der Auswanderer unter dem mythischen Oikisten Neleus. 

Milet, Nordfundament des spätarchaischen Tempels der Artemis Kithone, links davon hel-lenistische Spolienmauer (Foto: ÖAW-ÖAI/M. Kerschner)

1995 konnte das Temenos durch zwei Inschriftenfunde auf der Ostterrasse des Kalabaktepe, des südlichsten Hügels innerhalb der ummauerten archaischen Stadt, lokalisiert werden. Dort waren bereits bei den Ausgrabungen unter T. Wiegand 1906/1907 eine Terrakottasima und Marmorskulpturen (heute im Alten Museum in Berlin) gefunden worden, die auf einen heiligen Bezirk mit Tempel deuteten.

Das spätgeometrische und archaische Artemisheiligtum


Ziel der neuen Ausgrabungen 2006 bis 2008 war es, durch stratigrafische Schnitte nähere Aufschlüsse über Chronologie und Bauphasen sowie über Ausdehnung, architektonische Gestaltung, Kultgeschehen und Geschichte dieses bedeutenden Polisheiligtums zu gewinnen. Die Befunde umspannen den Zeitraum vom 8. Jh. bis zur Mitte des 5. Jhs. v. Chr. Ein zweiräumiger, in den Hang gesetzter Bau aus der spätgeometrischen Epoche ist zum Teil noch in vollständiger Mauerhöhe erhalten. In der Mitte des 7. Jhs. v. Chr. wurde das Temenos durch eine mächtige Anschüttung nach Norden hin erweitert. In der zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. wurde nach einer Erneuerung der Terrassenmauern ein Tempel errichtet, von dem die Fundamente und ein östlich vorgelagerter Altar freigelegt werden konnten. Aus der Spätarchaik haben sich einige Skulpturen und Reliefs aus Marmor erhalten, die rituell deponiert worden waren.

Muscheln für Artemis


Singulär ist der archäozoologische Befund: Unter den tierischen Überresten der Opfermähler, die im Heiligtum deponiert wurden, stammen 89 % von Mollusken. Es handelt es sich dabei um den umfangreichsten Fundkomplex mariner Fauna, der bisher aus einem griechischen Heiligtum bekannt wurde. Am häufigsten vertreten ist die essbare Herzmuschel (Cerastoderma glaucum), gefolgt von der Auster (Ostrea edulis), die erst in Schichten der zweiten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. auftritt.

Milet, Austern aus den Opferschichten des Artemisheiligtums (Foto: ÖAW-ÖAI/A. Galik)

Perserzerstörung und frühklassisches Wohnviertel


Als die Perser 494 v. Chr. Milet eroberten und die Stadt als Rädelsführerin des Ionischen Aufstands exemplarisch bestraften, wurde auch das Artemisheiligtum zerstört und anschließend profaniert. Darüber erbaute man ein frühklassisches Wohnquartier, das in der Mitte des 5. Jhs. v. Chr. wieder aufgegeben wurde. Es ist das einzige seiner Art, das bislang aus Ionien bekannt ist. Das Heiligtum der Artemis Kithone aber wurde in die damals verkleinerte Stadt verlegt. Im Hellenismus erinnerte man sich des alten Kultplatzes und legte hier Terrakottafiguren nieder.