DIE FRÜHEISENZEITLICHE GRIECHISCHE KERAMIK IM MITTELMEER

Der soziale Kontext des Weinkonsums

Untersuchungen des kulturellen Austauschs während der Früheisenzeit im Mittelmeer fokussieren traditionell auf Keramik, die in der Vergangenheit oft als Beleg menschlicher Mobilität betrachtet wurde. Andere soziale Aspekte des Verbrauchs wurden hingegen oft vernachlässigt.

Neutronaktivierungsanalysen


Ausgangspunkt einer neuen Untersuchung der protogeometrischen und geometrischen Keramik in nichtägäisch-griechischen Kontexten, d. h. in griechischen Kolonien und nichtgriechischen Städten, ist die Herkunftsbestimmung mittels Neutronaktivierungsanalyse (NAA). Insgesamt wurden bisher ungefähr 350 Keramikscherben bzw. -vasen aus verschiedenen Fundorten des West- und Ostmittelmeers von Hans Mommsen analysiert.

Weinkonsum als sozialer und interkultureller Apparat


Auf Basis der Ergebnisse der NAA wird die Funktion der Keramik in ihren sozialen, kulturellen oder rituellen Kontexten besprochen. Im Mittelpunkt der Diskussion stehen Aspekte des Weinkonsums als sozialer Apparat in einer Zeit kurz vor oder während der Institutionalisierung des Symposions im Mittelmeerraum. Da die Mehrheit der protogeometrischen und geometrischen Keramik im Mittelmeerraum aus Trinkgefäßen besteht, fokussiert die Untersuchung auf sozialee und rituelle Kontexte antiker Trinksitten als Bindeglied verschiedener mediterraner Kulturen. Ziel ist die Analyse der sozialen und gegebenenfalls symbolischen Funktion der entsprechenden Keramik in phönizischen, punischen und griechisch-kolonialen Kontexten. Eine besondere Bedeutung kommt einer Gruppe früheisenzeitlicher Handelsamphoren aus der Nordägäis zu, die die frühesten Handelsgefäße der Ägäis nach der Spätbronzezeit darstellen.

Die Fundstätten


Einen Projektschwerpunkt bildet die protogeometrische, geometrische und früharchaische Keramik aus verschiedenen nordägäischen Kolonien (Thasos, Argilos, Mende) und einheimischen Siedlungen derselben Region, beispielsweise aus Sindos und Kastanas, deren materielle Kultur einen engen Kontakt mit Zentral- und Südgriechenland aufweist. Insgesamt wurden mehr als 80 Gefäße verschiedener Waren in der Nordägäis beprobt und analysiert. Zusätzlich wurde geometrische Keramik aus einigen Fundorten im Balkanhinterland analysiert, wie z. B. vom Mittellauf des Axios und besonders aus Koprivlen am Mittellauf des Nestos in Bulgarien (16 Proben). Aus dem ostägäischen Klazomenai und Teos wurden ca. 40 Scherben von Trinkgefäßen verschiedener Typen, die von der submykenischen bis zur archaischen Zeit datieren, sowie auch einige nordägäische protogeometrische bzw. subprotogeometrische Handelsamphoren analysiert. Handelsamphoren ähnlichen Typs wurden an vielen anderen Fundorten nicht nur in der Nordägäis (Thasos, Argilos, Sindos, Kastanas), sondern auch in Zentralgriechenland beprobt. Eine große Anzahl früher Typen dieser Amphoren sind aus Elateia und Kynos in Lokris bekannt, was als Indiz gewertet wurde, dass die frühesten Amphoren dieses Typs in Zentralgriechenland produziert worden waren. An beiden Fundorten wurden 23 Amphoren analysiert.

Keramik ägäischer Herkunft oder ägäischen Typs wurde in den frühesten Kolonien Italiens (Pithekoussai, Kyme) und Siziliens (Naxos) beprobt sowie auch in Sarno, einem einheimischen kampanischen Fundort mit kulturell gemischter materieller Kultur (ca. 60 Proben). Weil die frühesten griechischen Keramikwaren nach der Spätbronzezeit nicht von Griechen, sondern von Phöniziern im Ost- und Westmittelmeer verwendet worden waren, wurden 25 protogeometrische und geometrische Keramiken aus den beiden großen phönizischen Metropolen analysiert, dazu auch wenige Skyphosfragmente aus den alten Grabungen von Paul Courbin in Ras-el-Bassit an der nordsyrischen Küste. Untersucht wurden mehr als 40 Scherben mittel- und spätgeometrischer Gefäße aus den rezenten Ausgrabungen in der phönizischen Kolonie Utika. Hierbei handelt es sich um die früheste griechische Keramik aus Nordafrika. Letzte Stationen in diesem mittelmeerischen Periplous sind Huelva und Malaga in Spanien sowie Sulki auf Sardinien, wo mittel- und spätgeometrische Keramik zusammen mit einheimischen, punischen und westmittelmeerischen Waren in phönizischen Kolonien Verwendung fand.