Sprechende Wände: Graffitoforschung im Hanghaus 2 von Ephesos

Auf den zahlreichen Wandmalereien des Hanghauses 2 sind etwa 500 Ritzinschriften und -zeichnungen erhalten geblieben, die einen einzigartigen Einblick in die Gefühle und das tägliche Leben seiner Bewohnerinnen und Bewohner bieten. Das Spektrum reicht von Liebesbezeugungen bis zu finanziellen Transaktionen und trägt sogar zum Verständnis der Geheimen Offenbarung bei.

Ephesos, Hanghaus 2. Hexameter zur römischen Herrschaft (Foto: H. Taeuber)

Im Gegensatz zu den geformten und vielfach gefilterten Texten von Schriftstellern und Dichtern stellen die Wandkritzeleien unmittelbare Äußerungen der damaligen Lebenswirklichkeit dar, die aus einer augenblicklichen Laune, Empfindung oder Notwendigkeit heraus entstanden. Im Gegensatz zu den Steininschriften waren sie nie für dauerhafte Bewahrung bestimmt; gerade deshalb sind sie aber als direkte Zeugnisse des antiken Lebensgefühls umso wertvoller.

Ausgabenlisten


Ephesos, Hanghaus 2. Ausgabenliste (Umzeichnung: H. Taeuber)

Etwa dreißig Listen belegen Ausgaben von einzelnen Tagen. Den zugrunde liegenden Vorgang kann man sich etwa folgendermaßen vorstellen: Der Hausverwalter schickte einen Sklaven auf den Markt mit dem Auftrag, bestimmte Besorgungen zu erledigen. Nach seiner Rückkehr musste dieser auf der Wand Rechenschaft über die ausgegebenen Beträge ablegen. In den Listen finden sich alle möglichen Waren: Wein, Brot, Fleisch, Wurst, Olivenöl, Waschmittel, Brennholz usw., was Einblick in den täglichen Bedarf solcher gehobener Haushalte gibt. Interessanterweise taucht in den Listen regelmäßig der Posten »Eintritt in die Thermen« auf, was die Angabe antiker Autoren über den täglichen Bäderbesuch in der Kaiserzeit bestätigt.

Die Polis von Ephesos und der römische Staat


Der reiche Ritter C. Vibius Salutaris errichtete im Jahre 104 eine Stiftung mit einem Kapital von über 20.000 Denaren, wobei er unter anderem vorschrieb, dass Goldstatuetten des Kaisers Trajan und seiner Gattin Plotina während der Sitzungen der Volksversammlung im Theater zur Schau gestellt werden sollten; die übrige Zeit sollten die Statuen in seiner Privatwohnung verehrt werden. Ein lateinisches Graffito erlaubt, die Wohneinheit 2 im Hanghaus 2 als diese Stadtwohnung zu identifizieren. Die Identifikation der Ephesier mit dem römischen Staat wird wohl am besten mit dem folgenden Hexameter zum Ausdruck gebracht: Ῥώμη πανβασίλια, τὸ σὸν >κράτος οὔποτ’ ὀλται (»Rom, du Allesbeherrscherin, möge deine Macht niemals untergehen!«).

Erotische Rätsel und die Geheime Offenbarung


Auf den Wänden findet sich auch eine Serie von fünf Graffiti mit Liebesbezeugungen, die alle nach dem folgenden Schema gestaltet sind: »Ich liebe die, deren Zahl ΩΞΕ (= 865) ist.« Dieses Rätsel beruht auf der Tatsache, dass jeder Buchstabe des griechischen Alphabets auch einen Zahlwert hat und daher jeder Name mit der Summe der Zahlwerte seiner einzelnen Buchstaben verschlüsselt werden kann. Das erinnert an die berühmte Stelle in der Geheimen Offenbarung 13, 18, wo über das monströse ›Untier‹ ausgesagt wird: »Wer Verständnis hat, berechne die Zahl des Tieres; denn es ist eines Menschen Zahl; und seine Zahl ist sechshundertsechsundsechzig.« Mithilfe eines zu diesem Zweck erstellten Umrechnungsprogramms und anschließender Forschungen konnte gezeigt werden, dass diese Zahl dem Gentilnamen »Ulpius« des Kaisers Trajan entspricht. Damit konnten für Datierung und Interpretation der Apokalypse neue Grundlagen geschaffen werden. 

Ephesos, Hanghaus 2. Erotische Zahlenrätsel (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)