Die Erforschung der Stadt Ayasoluk vom Untergang der Antike bis in die Gegenwart

Bereits im 11. Jh. n. Chr. lassen sich erste Siedlungsspuren im vormaligen Heiligtum der ephesischen Artemis und am Fuße des Ayasoluk-Bergs fassen, der monumentale Ausbau der Stadt Ayasoluk fällt allerdings in die Regierungszeit der Fürsten von Aydın sowie in die frühosmanische Zeit (2. Hälfte 14./1. Hälfte 15. Jh.). In diese Blütezeit datieren denn auch zahlreiche Gebetshäuser, Bäder und Grabmonumente. Das Fundmaterial belegt weit reichende Handelsbeziehungen bis nach Spanien, Syrien, in den Iran und nach China. 

Ephesos, Ayasoluk. Blick vom Artemision auf die İsa Bey-Moschee und die osmanische Festung (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)

Die letzte große Blütezeit: Ayasoluk im 14. und 15. Jahrhundert


Im späten 14. Jh. n. Chr. entwickelte sich um den Ayasoluk-Berg eine blühende Metropole, die als Regierungssitz der Fürsten von Aydın als administratives, wirtschaftliches und spirituelles Zentrum ausgebaut wurde. Von der ehemaligen Pracht der Stadt zeugen heute noch zahlreiche hervorragend erhaltene Gebäude, darunter die in der zweiten Hälfte des 20. Jhs. wieder instand gesetzte İsa Bey-Moschee sowie das ursprünglich zugehörige Bad. Weitere Bäder, kleine Gebetshäuser und viele Grabmonumente (Türben) geben einen allerdings nur ausschnitthaften Eindruck über den Charakter und die Bedeutung der Stadt unter türkischer Herrschaft.

Hafen und Hinterland


Mit der seldschukischen Eroberung war die Schwemmebene von Ephesos nach mehr als einem Jahrhundert wieder mit dem anatolischen Hinterland verbunden, was zu einer verbesserten Versorgung und einem wirtschaftlichen Aufschwung führte. Nach der endgültigen Versandung des alten Stadthafens lagen die Ankerplätze türkischer Zeit 6 km von der Stadt entfernt, wodurch es notwendig war, die Güter entweder auf den Straßen oder Flüssen landeinwärts zu transportieren. Trotzdem entwickelte sich Ayasoluk zu einem überregional bedeutenden Handelszentrum mit genuesischen und venezianischen Niederlassungen sowie byzantinischen, armenischen und jüdischen Bevölkerungsanteilen unter türkischer Herrschaft. 

Handelsknotenpunkt Ayasoluk


Ausgrabungen im römischen Odeion, das in türkischer Zeit zu Wohnzwecken genutzt wurde, sowie im İsa Bey-Hamam haben durch Keramikfunde den Nachweis intensiver Handelskontakte erbracht, die von Spanien über Syrien und den Iran bis nach China reichten. Auffallend sind der hohe Lebensstandard und die Versorgung der Bevölkerung mit prestigeträchtigen Luxusprodukten. Fremde Produkte, vor allem aus Europa, kamen allerdings auch mit Pilgern und Reisenden in die Region, von denen zahlreiche Graffiti in den christlichen Pilgerstätten Zeugnis ablegen.

Ephesos, Ayasoluk. Keramikensemble türkischer Zeit aus Ayasoluk (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)

Mühevoller Alltag


Ephesos, Ayasoluk. Bestattung des 15. Jhs. aus der Türbe im Artemision (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)

Anthropologische Analysen von Skeletten im seldschukisch-osmanischen Friedhof von Ayasoluk zeigen allerdings auch eine vollkommen andere Lebensrealität. Infektionskrankheiten, Mangelernährung, Seuchen, überdurchschnittliche und einseitige Beanspruchungen einzelner Körperpartien lassen auf schwierige Lebensumstände schließen, mit denen die ansässige Bevölkerung zu kämpfen hatte. Hinzu kamen eine hohe Kindersterblichkeit sowie kriegsbedingte Verletzungen, die oftmals zum Tod führten. Waffen- und Munitionsfunde aus frühneuzeitlichen Schichten im Artemision belegen unmittelbare Bedrohungsszenarien, die ihre Bestätigung in literarischen Quellen finden.

Ephesos – Ayasoluk: eine Geschichte von Tradition und Bruch


Die Transformationszeit zwischen Spätantike und Neuzeit stellt die archäologische Forschung vor große Herausforderungen, da die materielle Kultur stark ausdünnt und zudem zeitlich bislang nur grob einzuordnen ist. Zwar sind einzelne Aspekte, wie die Siedlungsverlagerung oder die Aufgabe der Kirchen, gut dokumentiert, allerdings fehlt bislang eine holistische Ursachenforschung. In einem breit angelegten interdisziplinären Projekt soll daher die ›Mikroregion Ephesos‹ in ihrer Beziehung zu großräumigen Phänomenen wie Klimaveränderungen, wechselnden Wirtschaftssystemen, kulturell bedingten Traditionsbrüchen und anderem erforscht werden.