DREI HELLENISTISCHE ‘NAISKOI‘ IM THEATERBEREICH VON AIGEIRA

Im Rahmen einer neuen Bauuntersuchung wurden die Baugeschichte, Typologie, Nutzung und städtebauliche Funktion der drei sogenannten Naiskoi D, E und F im Theaterbereich von Aigeira analysiert, die seit den Ausgrabungen des ÖAI in den 1980er Jahren freigelegt waren.

Zusammen mit dem Theater, einem Peristylgebäude und weiteren Kleinbauten bilden die drei beidseits des Theaters gelegenen sogenannten Naiskoi D, E und F ein städtebauliches Ensemble, das im Hellenismus errichtet wurde und bis in die römische Kaiserzeit in Benutzung war. Auffallend an der Anlage ist der mehrfach und an prominenter Lage vorkommende Gebäudetyp ,Naiskos‘, dessen Funktion nicht eindeutig festgelegt ist, da dieser Bautyp sowohl für kleine Tempel, für Schatzhäuser als auch für Bankettgebäude verwendet wurde. Auch die Chronologie der drei hauptsächlich in den 1970er und 1980er Jahren durch das ÖAI ausgegrabenen Gebäude war noch nicht geklärt. Das Dissertationsprojekt befasste sich deshalb mit der Baugeschichte, der architektonischen Gestalt und der Funktion dieser Kleinbauten im Kontext der Gesamtanlage.

Methode


Im Rahmen des Dissertationsprojekts wurden die drei Gebäude im Zuge eines Aufarbeitungsprogramms des ÖAI während den jährlichen Grabungskampagnen abschnittsweise gereinigt, neu vermessen und gezeichnet. Diese neu erstellte steingerechte Bauaufnahme in Form von Grundrissen, Schnitten und Ansichten diente zusammen mit der Grabungsdokumentation als Grundlage für die Analyse der Konstruktionsweise, der Bauphasen und der Ausstattung. Fotos und photogrammetrische Aufnahmen ergänzen die neue Dokumentation. Außerdem wurden anlässlich der Ausgrabungen gefundene Gebälkblöcke sowie Dachterrakotten aufgenommen und untersucht, was Rekonstruktionsvorschläge zur Architektur erlaubte.

Ergebnisse zur Baugeschichte


Die bauhistorische und typologische Untersuchung der drei Gebäude führte zu neuen Ergebnissen bezüglich ihrer Chronologie, Architektur und Nutzung. Die drei Prostyloi weisen individuelle Baugeschichten auf: ,Naiskos‘ E wurde als erster und wohl gemeinsam mit dem Theater, bei dem die gleiche Maßeinheit verwendet wurde, in frühhellenistischer Zeit erbaut. Zur ursprünglichen Anlage dürfte auch ein Vorgängerbau des Gebäudes F gehören. In der zweiten Hälfte des 3. Jhs. v. Chr. folgte die Erbauung des ,Naiskos‘ D und schließlich im Späthellenismus ,Naiskos‘ F in seiner Form als Prostylos er als letzter der drei ,Naiskoi‘.

Typologie und Funktion der Naiskoi


Bautypologisch und in seiner Ausstattung unterscheidet sich der ,Naiskos‘ E von den beiden jüngeren D und F, die eine gemeinsame Gruppe darstellen. Während der erste klar als Kultgebäude interpretiert werden kann, weisen die beiden anderen auf eine Mehrfachnutzung, unter anderem als Bankettgebäude, hin. Die ,Naiskoi‘ in Aigeira waren folglich besonders repräsentative Bauten, die einerseits für Kulthandlungen, anderseits für Versammlungen und als Speiseräume kleiner, elitärer Gruppen dienen konnten. Anhand der Untersuchung der drei ,Naiskoi‘ konnte somit die Rolle dieses häufig in hellenistischen Heiligtümern vorkommenden Bautyps im Kontext einer Gesamtanlage exemplarisch ausgelotet werden.

Folgerungen für die Gesamtanlage


Das als Heiligtum zu deutende Ensemble ist nicht, wie bisher angenommen, auf der Grundlage eines übergeordneten städtebaulichen Entwurfs entstanden, sondern erfuhr im Hellenismus einen Ausbau, der möglicherweise mit einem Bedeutungswandel einherging. Obwohl die Anlage den frühhellenistischen Charakter locker gestreuter Gebäude beibehielt, sind im Zuge des Ausbaus Absichten zur Bildung einer Symmetrie und zur Fassung des zentralen Platzes zu beobachten. Möglicherweise nach Vorbildern großer Heiligtümer wie Dodona, Delphi, Knidos und anderen sollte, unter Ausnützung der von weit her über den Korinthischen Golf sichtbaren Lage auf dem Hügelrücken, ein Heiligtum von überlokaler Ausstrahlung errichtet werden, das auch politischen Versammlungen dienen konnte.