Hemmaberg/Globasnitz: Lebenswelten

Eine bioarchäologische Charakterisierung von Gesundheitszustand und Lebensbedingungen am Übergang von Spätantike und Frühmittelalter

Intention des durch ein Hertha-Firnberg-Stipendium des FWF geförderten Projekts ist die bioarchäologische Untersuchung der menschlichen Skelettreste aus den spätantik-frühmittelalterlichen Gräberfeldern vom Hemmaberg und aus Globasnitz. Ein Vergleich der Gruppen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen soll Aufschluss über die Lebensbedingungen während der Umbruchzeit am Übergang von Spätantike und Frühmittelalter geben.

Das 5./6. Jahrhundert n. Chr.: Umbruch und Neuanfang


Geprägt durch Wanderbewegungen barbarischer Völker aus dem Norden und Osten in die Kernländer des Römischen Reiches und das Aufkommen des Christentums war die Übergangszeit von Antike und frühem Mittelalter im 5. und 6. Jh. maßgeblich an der Entstehung der kulturellen, religiösen und politischen Landkarte Europas, wie wir sie heute kennen, beteiligt. Trotz der Existenz zahlreicher historischer und archäologischer Zeugnisse aus dieser Zeit sind noch heute viele Fragen bezüglich Entwicklung und Struktur der frühmittelalterlichen Bevölkerungen offen. 

Menschliche Skelettreste als Informationsquelle


Menschliche Skelettreste aus archäologischen Ausgrabungen stellen unsere direkteste Quelle für das Leben in der Vergangenheit dar. Durch wissenschaftliche Untersuchung lassen sich Aspekte wie Alter, Geschlecht, Krankheit, Ernährung, Herkunft, Verwandtschaft und körperliche Aktivität auch noch viele Jahrhunderte nach dem Tod eines Individuums aus den Knochen ablesen. Im Rahmen dieses Projekts soll der Frage nach den Lebensbedingungen während dieser Übergangszeit nachgegangen werden. 

Die Datengrundlage: Die menschlichen Skelette vom Hemmaberg und aus Globasnitz


Als Datengrundlage dienen die menschlichen Skelettreste aus den beiden großen Gräberfeldern vom Hemmaberg und aus dem an seinem Fuße gelegenen Globasnitz im südlichen Kärnten. Die archäologischen Funde lassen am Hemmaberg die Nachfolgersiedlung der lokalen Bevölkerung aus der nahe gelegenen Straßenstation vermuten. Im Gegensatz dazu liefern Grabbeigaben und historische Quellen Hinweise darauf, dass es sich zumindest bei einigen der Globasnitzer Bestattungen um Teile einer ostgotischen Militäreinheit handelte, die um 493 vom ostgotischen König Theoderich in der Region angesiedelt worden waren, um die Nordgrenze seines Reiches entlang des Alpenhauptkamms zu sichern. Damit stellen die beiden Siedlungen eine ideale Fallstudie dar, um Herkunft, Lebensbedingungen und Zusammenleben von potenziell ethnisch unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu untersuchen. Neben traditionellen Methoden der Untersuchung von Sterbealter, Geschlecht und Krankheit sollen auch moderne wie die Analyse von alter DNA, Kohlenstoff-, Stickstoff-, Sauerstoff- und Strontium-Isotopen zum Einsatz kommen, um ein detailliertes Bild von Ernährung und geografischer Herkunft der Menschen zu gewinnen. Dadurch soll auch geklärt werden, ob es zwischen den möglicherweise kulturell unterschiedlichen Gruppen Unterschiede in Gesundheitszustand, Ernährungsweise oder Herkunft gab.

Projektziele


Durch diese Studie kann erstmals ein umfassendes Bild vom Leben der Menschen in den Ostalpen am Übergang von römischer Herrschaft zu frühem Mittelalter entstehen. Das Wissen um die Qualität der Lebensbedingungen, Ernährungsweisen, aber auch um das Auftreten von Krankheiten wie der Pest oder um gewalttätige Auseinandersetzungen stellt ein zentrales Element für das Verständnis des Verhaltens von Menschen und Bevölkerungsgruppen dar. Eingebettet in den historischen und archäologischen Kontext können die Ergebnisse dieser Untersuchung grundlegend zur Erforschung einer der bedeutendsten Perioden der europäischen Geschichte beitragen.