Die Inschriften aus der antiken Stadt Kibyra (Südwestkleinasien) zeigen ein hohes Maß an unkonventionellem Lokalkolorit. Mit der Dominanz hellenistischer Herrscher und später des Römischen Reiches eigneten sich die Bürger von Kibyra zwar griechische und lateinische Formen in Architektur und Epigrafik an, doch nutzten sie diese, um ihre kulturelle Eigenständigkeit performativ und gezielt hervorzuheben.

Gegenstand und Ziele des Projekts

Gegenstand des Projekts sind Ausdrucksformen lokaler Identität, wie man sie in der inschriftlichen Überlieferung aus der antiken Stadt Kibyra in Südwestkleinasien studieren kann. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Inschriften aus der römischen Kaiserzeit. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass man mit übergreifenden theoretischen Konzepten wie »Hellenisierung«, »Romanisierung« oder »Akkulturation« Gefahr läuft, die lokalen Eigenheiten von Prozessen der kulturellen Annäherung aus den Augen zu verlieren. Ohne den heuristischen Wert solcher Begriffe leugnen zu wollen, soll gezeigt werden, wie die Bürger von Kibyra sich ›klassische‹ griechische und römische inschriftliche Gepflogenheiten aneigneten, nicht so sehr, um sich als ›Griechen‹ oder ›Römer‹ zu präsentieren, sondern viel mehr, um in performativer Weise ihre kulturelle, sprachliche und onomastische Eigenständigkeit gezielt hervorzuheben.

Theoretischer Rahmen

Das Projekt greift zwei verschiedene Strömungen innerhalb der jüngeren Forschung auf. Innerhalb der Altertumswissenschaften sind es Diskussionen um »localism« und »local knowledge« im klassischen Griechenland, die vor allem in der englischsprachigen Forschung angestoßen wurden. Aus dem Bereich der Stadtsoziologie ist es der Versuch, die »Eigenlogik« von Städten besser zu verstehen. Während man beobachten kann, dass innerhalb der Altertumswissenschaften Vorstellungen von einer einheitlichen, monumentalen griechisch-römischen Stadtkultur immer noch präsent sind, vermag das Konzept der »Eigenlogik« die Aufmerksamkeit des Historikers dafür zu schärfen, wie lokale Wissensbestände und lokale Handlungsmuster die Funktionsweise einer jeden Stadt in einer unverwechselbaren Weise prägen.

Quellenmaterial

Die Abteilung Altertumswissenschaften des ÖAI steht in der Tradition der »Kleinasiatischen Kommission«, die seit dem späten 19. Jahrhundert umfangreiche Forschungsreisen in Kleinasien durchgeführt und zahlreiche Inschriften dokumentiert hat. Neben Archivbeständen, die aus diesen langjährigen Arbeiten resultieren, und zahlreichen bereits publizierten kaiserzeitlichen Inschriften aus der Stadt Kibyra und ihrer Umgebung, fließt ein Corpus von etwas mehr als hundert neuentdeckten Inschriften in das Projekt ein, die vom Projektleiter als Mitarbeiter der Grabungsmannschaft von Kibyra zwischen 2011 und 2017 dokumentiert wurden. Die neuen Inschriften aus Kibyra zeichnen sich durch ein hohes Maß an unkonventionellem lokalem Kolorit und kultureller Eigenständigkeit aus.

Methoden der Quelleninterpretation

Die Besonderheiten lokaler Ausdrucksformen in der Epigrafik des kaiserzeitlichen Kibyra werden mit einem breiten Spektrum an verschiedenen Methoden erschlossen. Neben den etablierten Methoden der griechischen Epigrafik, der Prosopografie und der Onomastik kommen literaturwissenschaftlich inspirierte Formen der Analyse ebenso zum Einsatz wie die Analyse der räumlichen Anordnung von inschriftlichen Monumenten. Solche ganzheitlichen Interpretationsansätze erweisen sich insbesondere bei Grabbezirken als fruchtbar, in denen Mitglieder einer Familie aus zwei, drei Generationen bestattet wurden. Über die Konventionen der Gattung hinaus sprudelt so manches Grabgedicht geradezu über mit Anspielungen auf die Landschaft von Kibyra; ein und dieselbe Person erscheint je nach Aussageabsicht einmal mit einem griechischem, einmal mit einem römischen, einmal mit einem einheimischen Namen.

 

Projektleitung

Ludwig Meier

Laufzeit

12/2020–11/2022

Finanzierung

FWF Lise-Meitner-Projekt M 2958-G