Die Annahme, Handlung sei die Strukturdominante des Dramas, diente seit Aristoteles’ „Poetik“ bis zum Postdramatischen Theater als kritisch-ästhetischer Maßstab dieser Gattung und beeinflusste das Verständnis von Aischylos’ handlungsarmen und erzählungsbasierten Dramen. Ziel des Forschungsprojekts ist es, die Frühtragödie als Übertragung unterschiedlicher narrativer Dichtungstraditionen (vor allem Epos und Chorlyrik) auf die Bühne zu deuten und ihre komplexe, intermediale Erzählkunst als Produkt der Anpassung traditioneller Narrativität an die theatralische Medienfügung zu verstehen. Die spezifische Dramatik der Frühtragödie ist daher nicht in der Handlung, sondern in der Performativität inszenierter Erzählungen zu erkennen.

Forschungsgegenstand, -ziele und -methoden im Überblick

Die ältesten erhaltenen Tragödien ― Perser, Sieben gegen Theben, Schutzflehende, aber auch Prometheus ― tendieren dazu, Ereignisse eher zu erzählen als sie zu agieren. Das widerspricht unseren Erwartungen, weil im späteren Drama Erzählung zweitrangig, Handlung dagegen konstitutiv ist. Tatsächlich wurden zahlreiche Urteile bezüglich der angeblichen „Unreife“ der Frühtragödie formuliert, welche vor allem Narrativität und Handlungslosigkeit beklagen. Allerdings ist unser „Erwartungshorizont“ zum Drama aus der späteren Tragödie hergeleitet, sodass wir auf Aischylos durch die Brille späterer Gattungstheorien, d.h. anachronistisch, schauen.

Aischylos’ diegetisches Drama versucht, diesen Ansatz zu überwinden und sich auf das zu fokussieren, was die dramatischen Texte tatsächlich zeigen (Erzählung), und nicht auf das, was wir dabei vermissen (Handlung). Dementsprechend wird Narrativität nicht als Nebenprodukt oder gar Manko verstanden, sondern als Grundzug der Frühtragödie, die ich als narrative Gattung und nach der Kategorie „diegetisches Drama“ umdenke. Dieser Perspektivenwechsel dient nicht lediglich der Gattungstaxonomie, sondern bildet die Grundlage für ein unbefangenes Verständnis derjenigen Elemente, die uns bei Aischylos als nicht-dramatisch schlechthin auffallen: lange Erzählungen und darauffolgende Erwiderungen des Chors.

Die Merkmale des diegetischen Dramas sollen durch Textanalyse identifiziert werden; entscheidend ist dabei nicht nur die starke Präsenz der Erzählung sondern auch die Rolle, die Erzählungen hier spielen, ihre Beziehungen zu nicht-narrativen Bestandteilen sowie ihre Auswirkungen auf den Plot. Das Besondere an Erzählungen im diegetischen Drama ist nämlich, dass sie Reaktionen und Erwiderungen seitens der dramatis personae hervorzurufen vermögen. Da Erzählungen solche Ereignisse auslösen, tragen sie aktiv zur Konstruktion des Plots bei. Zugleich fördern sie die Zusammenstellung dessen, was Aristoteles als nicht-unitarischen mythos kennzeichnet: denn sie stellen Ereignisse dar, die an anderer Zeit und Stelle als das hic et nunc passieren, und deren kausaler Zusammenhang auch lose sein kann.

Das Projekt untersucht schließlich die Ästhetik des diegetischen Dramas, und sucht Antworten auf die Fragen, warum Aischylos so viel erzählt und warum das Publikum seine erzählenden Stücke für herausragende Tragödien hielt. Dafür soll das diegetische Drama in seinen Kontext eingebettet werden: in der griechischen „Erzählkultur“ ist Erzählen ein wesentliches Bestandteil zahlreicher Gattungen und entwickelt sich in eine vielfältige performance art. Unter diesen Voraussetzungen erörtert Aischylos’ diegetisches Drama, wie tragische Erzählungen aufgeführt und inszeniert wurden, welche Verbindungen zwischen Tragödie und narrativen Gattungen bestehen, und letztendlich wie das diegetische Drama eine komplexe Erzähltradition auf die Bühne um- und übersetzt.

Projektleiter

Laura Gianvittorio-Ungar

Kooperationen

Laufzeit

1.10.2012 - 30.09.2018

Finanzierung

  • FWF/Hertha Firnberg Programm (erste Phase)
  • FWF/Elise Richter Programm (zweite Phase)