Norisch-pannonische Tracht

Im Projekt »Norisch-pannonische Tracht« untersucht eine Forschergruppe spezielle Artefakte (Fibeln und Gürtelelemente), die gemeinhin als zentrale Bestandteile einer römerzeitlichen Frauentracht gelten, und deren Zeugnisse sich vor allem auf dem Gebiet der beiden namengebenden römischen Provinzen erhalten haben. Digitale 3-D-Modelle der Funde und weitere Forschungsdaten werden in einer Online-Datenbank (www.cfir.science) zugänglich gemacht.

Ausgangspunkt


Seit Erscheinen der monografischen Vorlage »Die norisch-pannonische Frauentracht im 1. und 2. Jahrhundert« (1965) von J. Garbsch ist mittlerweile ein halbes Jahrhundert vergangen. Die Wiederaufnahme einer detaillierten Auseinandersetzung mit dem Thema der norisch-pannonischen Tracht ist deshalb seit Langem ein Desiderat der provinzialrömischen Archäologie. Auf die mittlerweile verbesserte Quellenlage, d. h. zahlreiche Neufunde von Fibeln und Gürtelbestandteilen sowie Römersteinen mit entsprechenden Darstellungen, auf veränderte Fragestellungen und die Weiterentwicklung archäologischer Methoden und technischen Möglichkeiten ist in diesem Zusammenhang hinzuweisen. 

Methode


Das 2015 initiierte und institutionell an ÖAI (C. Hinker), IKAnt (C. Gugl) und Universität Innsbruck (G. Grabherr) angesiedelte Forschungsprojekt mit dem Arbeitstitel »Norisch-Pannonische Tracht« trägt diesen Umständen Rechnung. Die innovative Methode der Fundaufnahme mit dem Streifenlichtscanner erlaubt die Generierung exakter 3-D-Modelle der verschiedenen Trachtbestandteile aus Bunt- und Edelmetall. Diese 3-D-Modelle werden in einer eigens entwickelten Datenbank abgebildet, in der zudem alle projektrelevanten Informationen, die der derzeitige Publikationsstand zu Kleinfunden der norisch-pannonischen Tracht bereitstellt, erfasst sowie Fundorte lokalisiert. Ziel ist es, der Scientific Community eine Online-Datenbank zur Verfügung zu stellen, mit deren Hilfe einschlägige Funde und Fundorte, die derzeit in der Fachliteratur weit verstreut sind, einfach recherchiert werden können. Zusätzlich bieten die in der Datenbank abrufbaren 3-D-Modelle ein gegenüber den herkömmlichen Typologien in 2-D wesentlich präziseres Online-Tool für die typologische Bestimmung von Alt- und Neufunden. Schließlich bietet die Implementierung von Geoinformationssystemen dem User die Möglichkeit, Verbreitungskarten verschiedener Fibeltypen und/oder Gürtelbestandteile zu erstellen.

Aspekte der Digital Humanities in diesem Forschungsprojekt werden schwerpunktmäßig von Ch. Gugl (IKAnt) betreut.

Kulturhistorische Fragestellungen


Neben der Weiterentwicklung technischer Methoden im Rahmen der Erschließung und Aufbereitung archäologischer Quellen ist die kulturgeschichtliche Interpretation der Quellen ein elementares Projektziel. Diesbezüglich erlaubt die entsprechend aufbereitete und über die Datenbank abrufbare Datengrundlage zahlreiche Möglichkeiten. Die Entstehungsbedingungen einer spezifisch norisch-pannonischen Frauentracht, ihr Verhältnis zur Männertracht oder überhaupt zu anderen Trachten im Imperium Romanum, regionale Unterschiede, die sich in sog. Trachtgruppen und/oder Werkstattkreisen manifestieren, die Mobilität der Träger/-innen dieser Tracht und schließlich die Bedingungen, die zu ihrem Ende und Verschwinden geführt haben, werden untersucht.

Datenerhebung und -eingabe sowie die kulturhistorische Interpretation werden schwerpunktmäßig von Ch. Hinker (ÖAI) durchgeführt.