Schriftkultur und Wirtschaftsleben im spätantiken Ephesos

Neue Ostraka und Inschriften auf Gebrauchskeramik

Inhalt dieses Forschungsprojekts sind ca. 60 neugefundene Tonscherben mit Ritzinschriften, die im Zuge der Grabungen in den Jahren 2011 bis 2015 in den Ruinen des spätantiken Ephesos (5.–7. Jh. n. Chr.) freigelegt wurden. Eine erste Untersuchung hat gezeigt, dass sie von wesentlicher Bedeutung für das Verständnis der Schriftkultur und des Wirtschaftslebens im spätantiken Ephesos sind.

Ephesos, Anweisungen des Pelagis an Oxycholios (»Pelagis an Oxycholios. Gib’ Epagathos x denarius/-i [- - -].«) (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)
Ephesos, Teller mit Besitzerinschrift des Theophilos an der Unterseite (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)

Die Fundgruppen


Die neuen Tonscherben mit Ritzinschriften lassen sich in zwei Fundgruppen gliedern: Eine Gruppe wurde vor dem Eingangsbereich zu jener Kirche, die im 4./5. Jh. auf den Fundamenten des Serapeions erbaut worden war, die andere in dem spätantik-mittelalterlichen Stadtquartier südlich der Marienkirche freigelegt. Etwa die Hälfte der Tonscherben wurde offenbar für die Niederschrift kurzer Geschäftsbriefe, von Anweisungen oder listenartigen Abrechnungen genutzt – sie sind daher als Ostraka zu betrachten. Bei der anderen Hälfte handelt es sich um Besitzerinschriften oder Inhaltsangaben, die in Gegenstände des täglichen Gebrauchs (instrumenta domestica), in unserem Fall in die Oberfläche von (einst) funktionstüchtiger Gebrauchskeramik, eingeritzt worden waren.

Projektziele


Um den Stellenwert der neuentdeckten Scherben mit Ritzinschriften zu verdeutlichen, verfolgt das Projekt folgende Ziele:

  • Die Erstellung eines Open-Access-Online-Corpus, das nicht nur die neugefundenen Ostraka und Inschriften auf Gebrauchskeramik, sondern auch alle anderen bereits publizierten Inschriften aus Ephesos, die aufgrund ihres Schriftbilds diverse Schreibschriften und die alltägliche Schreibpraxis dokumentieren, allgemein zugänglich macht
  • Die Präsentation der neugefundenen Ostraka und Inschriften auf Gebrauchskeramik im Rahmen einer umfassenden Druckedition, in der sämtliche von dem Quellenmaterial aufgeworfenen Fragen aufgearbeitet werden.

Innovative Aspekte


Da Ostraka aus anderen Regionen oder Städten Kleinasiens bislang nicht veröffentlicht wurden, stellen die ephesischen Ostraka eine substanzielle und in komparativer Hinsicht willkommene Erweiterung der Kenntnis über die Verbreitung des Schriftmediums ›Ostrakon‹ dar. Die Bedeutung des Projekts beschränkt sich aber nicht allein auf diesen Aspekt: Erstens ist ein systematisches Corpus, das die zahlreichen ephesischen Beispiele der Schreibschriften und alltäglichen Schreibpraxis zusammenstellt, ein Forschungsdesiderat. Zweitens ist aus einer historischen Perspektive zu bedenken, dass die neugefundenen Ostraka und Inschriften auf Gebrauchskeramik auf eine lebhafte Geschäftstätigkeit in unmittelbarer räumlicher Nähe zu kirchlichen Einrichtungen deutet, was einen völlig neuen Aspekt des spätantiken Stadtlebens in Ephesos eröffnet. Schließlich liefert die Verwendung von Ostraka, die in diesem Kontext dokumentiert ist, einen wesentlichen Beitrag zum Verständnis des ›epigraphic habit‹ im spätantiken Ephesos.