Kulturhistorische Untersuchungen der Glasfunde aus dem spätantik-mittelalterlichen Stadtquartier südlich der Marienkirche in Ephesos

Das Dissertationsprojekt befasst sich mit der kulturhistorischen Untersuchung von mittelalterlichen Glasobjekten Im Mittelpunkt der Forschung stehen die Glasfunde eines städtischen Wohn- und Werkstattviertels in Ephesos. Die kontextuelle Auswertung des Fundmaterials ermöglicht eine Rekonstruktion der Verwendung von Glas im mittelalterlichen Alltag und im Wohnbau.

Ephesos, spätantik-mittelalterliches Stadtquartier südlich der Marienkirche. Unguentaria (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)
Ephesos, spätantik-mittelalterliches Stadtquartier südlich der Marienkirche. Unguentaria (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)

Die Beschäftigung mit dem spätantik-mittelalterlichen Glas wurde für Kleinasien bisher vernachlässigt und steht somit erst am Anfang. Funde von Bau- und Gefäßglas werden in dieser Untersuchung einer Auswertung nach funktionalen, technologischen, typologischen und sozioökonomischen Aspekten unterzogen. Anhand der Materialanalyse des Fundorts Ephesos können Schlussfolgerungen regionaler und überregionaler Aussagekraft gezogen werden.

Fundmaterial


Das Fundmaterial des Stadtquartiers südlich der Marienkirche wurde im Vorfeld nicht aussortiert, sodass eine große Materialbasis vorliegt. Das funktionale Spektrum der untersuchten Funde umfasst Bauglas in Form von Fensterglas sowie Gefäßglas in Form von Tafelgeschirr, Aufbewahrungsbehältern und Beleuchtungskörpern. Neben dem großen Volumen der Fensterglasfragmente beinhaltet das Formenspektrum des Gefäßglases Becher, Stielgläser, Schalen, Ausschankgefäße (Flaschen, Krüge), Teller, Unguentaria und Lampen. Funde von Glasbrocken und Schmelzabfällen weisen auf eine glasverarbeitende Werkstatt in späterer Zeit (Nachnutzungsphase).

Methode


Die Klassifizierung des Materials erfolgt nach typologischen, technologischen und funktionalen Gesichtspunkten und wird unter Einbeziehung der fachspezifischen Literatur vorgenommen. Bei der funktionalen Bestimmung wird der Fundkontext unter Einbeziehung der Stratigrafie mittels ›spatial analysis‹ untersucht, unter Berücksichtigung des sonstigen Fundmaterials sowie des publizierten Forschungsstandes. Das Material ist stratifiziert und einzelnen Hausräumen zuordenbar, selbst die originalen Anbringungsorte der Fensterscheiben können ermittelt werden. Analysen zur chemischen Zusammensetzung der Gläser sind in Kooperation mit J. Henderson (University of Nottingham) vorgesehen und lassen Erkenntnisse zur Herstellungstechnologie sowie zur Herkunft und dem wirtschaftlichen Wert der Objekte erwarten.

Ephesos, spätantik-mittelalterliches Stadtquartier südlich der Marienkirche. Stielglas (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)
Ephesos, spätantik-mittelalterliches Stadtquartier südlich der Marienkirche. Stielglas (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)
Ephesos, spätantik-mittelalterliches Stadtquartier südlich der Marienkirche. Fensterglas (Foto: ÖAW-ÖAI/N. Gail)

Forschungsfragen


Ein Ziel der Dissertation ist die Herausarbeitung von Spezifika des mittelalterlichen Tafelgeschirrs im Kontrast zu jenem der römischen Kaiserzeit. Ein Vergleich der Gefäßformen aus Glas mit der kontemporären Keramik wird unter der Fragestellung vorgenommen, ob die Glasgefäße das keramische Formenspektrum ergänzen oder gleiche und ähnliche Formen in beiden Materialgruppen parallel existieren. Die Verfügbarkeit von Glas, sein Nutzungswandel vom Luxuserzeugnis zur Alltagsware sollen nachgezeichnet und die Entwicklung von Glasformen und ihre sich ändernde Funktion im Laufe der Zeit beleuchtet werden. Die funktionalen und repräsentativen Aspekte in der Verwendung von Fensterglas und die Lichtverhältnisse im Gebäude werden ebenfalls analysiert wie auch die Auswirkungen technologischer Innovationen und veränderter Produktionsmechanismen auf die Glasverwendung. Weitere Fragestellungen betreffen Werkstattorganisation, Technologietransfer, Handel von Rohstoffen und Endprodukten sowie Recycling von Glas.