Thema 03/2012: Soziolinguistik

Klingendes Österreichisch


Die meisten Österreicher und Österreicherinnen glauben, die österreichische Standard-Aussprache zu erkennen, wenn sie sie hören. Doch sie ist schwerer zu fassen, als man denkt und Thema intensiver Forschung am ÖAW-Institut für Schallforschung.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts galt die Aussprache der intellektuellen Elite als Vorbild für einen gesprochenen Standard. In der 13. Auflage seines erstmals 1898 erschienenen Buchs "Deutsche Bühnenaussprache" wurde dieser zunächst nur für die Bühnenaussprache festgelegte Kodex auch auf die Hochsprache, also die Standardsprache, erweitert. Seit dieser Zeit wurde für die Bestimmung der Standardaussprache in den Aussprachewörterbüchern die Bühnenaussprache und mit dem Aufkommen des Rundfunks vornehmlich die Aussprache der Sprecher und Sprecherinnen dieser neuen Medien herangezogen.

Gibt es eine österreichische Standard-Aussprache?

Dieses methodische Vorgehen wirkt sich selbstverständlich auf die Bestimmung der Standardaussprache in Österreich aus. Zum Beispiel ist in Nachrichtensendungen immer wieder eine stimmhafte Aussprache des /s/ zu hören, obwohl wenn in Österreich niemand so spricht. Das wirft auch die Frage auf, ob es überhaupt eine eigene österreichische Standardaussprache gibt. Noch vor etwa 40 Jahren war sich selbst die Forschung darüber nicht einig. "Dieses Thema ist aber jetzt vom Tisch - die Antwort ist ein klares Ja", sagt Sylvia Moosmüller. Die Phonetikerin untersucht am Institut für Schallforschung der ÖAW, wie sich die österreichische Standard-Aussprache wissenschaftlich erfassen lässt.

Akzeptanz ist ein wesentlicher Faktor bei der Bestimmung der Standardaussprache

Ihre Herangehensweise lässt die Sprache von Funk und Fernsehen weitgehend außen vor. Moosmüller versucht herauszufinden, was die Österreicherinnen und Österreicher überhaupt als überregionale Standard-Aussprache akzeptieren und nimmt diese dann unter die Lupe. So ließ sie Probandinnen und Probanden aus ganz Österreich anhand von Hörproben zum einen bestimmen, ob der Sprecher/die Sprecherin ihrer Meinung nach Dialekt oder Standard spricht, zum anderen, aus welcher Gegend die Sprecher/innen kommen und welcher sozialen Gruppe sie angehören könnten. Die Ergebnisse lieferten Bekanntes, aber auch so nicht Vermutetes: "Wie zu erwarten war, muss eine als Standard akzeptierte Aussprache frei von hörbarem Dialekt sein", so Moosmüller. Auch, dass die vermeintlichen Standard-Sprecher/innen sozialen Gruppen mit einem höheren Bildungshintergrund zugeordnet wurden, überrascht wenig. Unvermuteter war die Zuordnung nach Regionen: So ordneten die Proband/innen, sobald sie eine aus ihrer Sicht dialektfreie Aussprache hörten, diese automatisch gebildeten Sprechern und Sprecherinnen aus Wien zu.

Die Vokale machen einen wichtigen Unterschied

Auch die Frage, was die österreichische Standard-Aussprache von der bundesdeutschen unterscheidet, ist Forschungsthema am ÖAW-Institut für Schallforschung. In einem laufenden FWF-Projekt (Projektnummer: I 536-G20) analysiert Moosmüller in Zusammenarbeit mit dem Institut für Phonetik und Sprachverarbeitung der Universität München Sprachproben österreichischer und bundesdeutscher Standardsprecher und -sprecherinnen im direkten Vergleich. "Ich konnte bereits im Rahmen meiner Habilitation in der österreichischen Standard-Aussprache 13 Vokale identifizieren." Also um zwei weniger, als in der bundesdeutschen Standard-Aussprache angenommen werden. Nun sollen im Rahmen des Projekts Gemeinsamkeiten und Unterschiede der deutschen und österreichischen Standard-Aussprache im Detail herausgearbeitet werden.

Findet gerade ein Lautwandel statt?

Erste Ergebnisse werden im Rahmen der Tagung "Deutsch in Österreich - Theoretische und empirische Aspekte der Variationslinguistik und Mehrsprachigkeitsforschung" (19. bis 21. April 2012, Wien) vorgestellt. Die Tagung wird vom Institut für Germanistik der Universität Wien gemeinsam mit dem Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika der ÖAW veranstaltet. Die Ergebnisse bestätigen nicht nur die von Moosmüller identifizierten Unterschiede in der Anzahl der Vokale, sondern liefern auch Hinweise darauf, dass in Österreich gerade ein Lautwandel stattfindet: "Wir fanden heraus, dass manche Proband/innen bislang unterschiedlich gesprochene Vokale gleich aussprechen", präzisiert Moosmüller. Zum Beispiel wurden in der Standard-Aussprache bisher die Vokale in "bieten" und "bitten" unterschiedlich ausgesprochen. Diese Vokale scheinen jetzt zu einem Vokal zusammenzufallen. Eine Ursache liegt in der unterschiedlichen Artikulation zwischen österreichischen und deutschen Standardsprechern und -sprecherinnen. Während im deutschen Deutsch eine Annäherung der beiden Vokale nur in der Umgebung von velaren Konsonanten /g, k/ gemacht wird, wird diese Annäherung im österreichischen Deutsch auf alle Umgebungen generalisiert. "Einflüsse des Wiener Dialekts könnten zusätzlich eine Rolle spielen", lautet eine Hypothese Moosmüllers.

Weitere Forschung zum Thema an der ÖAW

An der ÖAW-Kommission für Linguistik und Kommunikationsforschung widmet sich Jacqueline Stark und ihr Team der Erforschung der gesprochenen Wiener Stadtsprache. Wortschatz und Ausdrucksweise der Wienerinnen und Wiener unterscheiden sich je nach Altersgruppe, nach sozialer Schicht, sowie bei sprachgesunden oder sprachbeeinträchtigten Personen. Die Forscher(innen) analysieren und quantifizieren diese Unterschiede und schaffen eine Referenz für Diagnose und Sprachtherapie.



Kontakt:
Doz. Dr. Sylvia Moosmüller
Institut für Schallforschung
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Wohllebengasse 12-14, 1040 Wien
T +43 1 51581-2503
sylvia.moosmueller(at)oeaw.ac.at
www.kfs.oeaw.ac.at


März 2012