Thema 03/2012: Soziolinguistik

Interview mit Manfred Glauninger


Sprache hat viele Facetten und ist einem laufenden Wandel unterworfen. So zieht sich der Dialekt im deutschen Sprachraum bei manchen Bevölkerungsgruppen bzw. in bestimmten Arealen - insbesondere in Großstädten - aus der Alltags-Sprache zurück. Dadurch bekommt er in anderen Kontexten eine besondere Funktion, sagt Manfred Glauninger, Soziolinguist am Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika der ÖAW, im Interview mit Martina Gröschl.

Von der Hochsprache über die Gruppen- und Fachsprachen bis zu den Dialekten - eine "natürliche" Sprache hat viele Facetten. Wie kann man diese Heterogenität wissenschaftlich erfassen?

Glauninger: Ich versuche die Heterogenität der Sprache über ihre Funktion zu erfassen. Denn aus einer "evolutionären" Sicht drängt sich sofort die Frage auf, warum sich eine Gesellschaft ein derart heterogenes Kommunikationsmedium überhaupt "leistet". Die Antwort könnte sein: Heterogenität bedeutet (mehr) Funktionalität.

Betrachten wir die deutsche Sprache in Österreich: Ihre Varietäten, also ihre verschiedenen Erscheinungsformen, bieten mehrere Möglichkeiten, etwas auszudrücken: dialektal, umgangssprachlich, hoch- bzw. standardsprachlich, jugendsprachlich usw. Selbst wenn semantisch der Inhalt einer Mitteilung immer derselbe wäre, würde jede Varietät andere, im weitesten Sinn soziale Zusatzinformationen liefern. Nun können in der Sprachkompetenz ein und desselben Menschen mehrere dieser unterschiedlichen Varietäten und Register der deutschen Sprache versammelt sein. Das nennt man "innere Mehrsprachigkeit". Diese eröffnet auch einen Selektionshorizont: Man kann wählen. Viele Wiener sprechen zum Beispiel keinen Dialekt mehr. Sie versuchen, sich an die Standardsprache anzunähern. Trotzdem, wenn man genau aufpasst, merkt man, dass sie dazwischen immer wieder einzelne Dialektwörter oder -phrasen einbauen. Und das hat eine Funktion: zum Beispiel eine ironische, oder es ist eine atmosphärische Annäherung an das Gegenüber. Wahlmöglichkeit und Funktionalisierung hängen zusammen.

Erfolgt diese Auswahl bewusst?

Glauninger: Das ist ein gradueller Prozess. Bewusst und proaktiv, sozusagen geplant, geschieht es vor allem in geschriebener Form in Qualitätszeitungen. Damit das verstanden und die gewünschte Wirkung erzielt wird, muss die Funktionalisierung der Sprachvariation in der sozialen Konvention gesichert sein. Das heißt, die "innere Mehrsprachigkeit" hat immer auch eine kollektive Dimension. Meine bundesdeutschen Studierenden an der Uni verstehen in der Regel weder, dass österreichische Qualitätsmedien Dialektwörter verwenden noch die damit verbundene Intention. Die österreichischen und insbesondere die Wiener Studierenden haben damit kein Problem.

Warum können vor allem die Wiener Studierenden damit problemlos umgehen?

Glauninger: Dazu habe ich zwei Vermutungen. Die erste ist, dass Wien im Vergleich zu anderen Städten im deutschsprachigen Raum sehr früh eine Großstadt war. Bereits im 18. Jahrhundert hatte Wien eine Viertelmillion Einwohner, erheblich mehr als beispielsweise das damalige Berlin. Das heißt, in Wien treffen seit langer Zeit viele Menschen in unterschiedlichen sozialen Gruppen aufeinander und müssen geeignete Formen der Kommunikation entwickeln. Die zweite Vermutung ist spekulativer und betrifft die besondere historisch-politische Konstellation in Wien. Wenn Sie sich das Volkstheater im 19. Jahrhundert anschauen - zum Beispiel Nestroy. Nestroy arbeitete sehr bewusst mit dieser Vielfalt an sprachlichen Erscheinungsformen. Das könnte damit zu tun haben, dass Sprachvariation ein probates Mittel war, trotz politischer Zensur bestimmte Dinge auszusprechen. Hier könnte eine zweite historische Wurzel für das Sprachverhalten im heutigen Wien liegen, für den auch "raffinierten" Gebrauch sprachlicher Heterogenität.

Also wie wenn man das berühmte Meidlinger "L" imitiert?

Glauninger: Genau. "Imitieren" ist ein gutes Wort, denn es geht eigentlich um Inszenierung im weitesten Sinn. Das ist in Wien auch deshalb möglich, weil sich der Dialekt als "normale" Alltagssprache immer mehr zurückzieht. Meine Theorie ist, dass der Dialekt durch diesen Rückzug aus dem Alltag in anderen Kontexten eine besondere Funktion bekommt. Das sehen Sie zum Beispiel auch in der Werbung. Die Gemeinde Wien und die Wiener Linien, aber auch andere, arbeiten da sehr gerne mit dem Dialekt. Er fällt auf und sichert Aufmerksamkeit. Außerdem signalisiert er lokale Zugehörigkeit, Verbundenheit mit der Stadt.

Warum zieht sich in Wien der Dialekt aus dem alltäglichen Sprachgebrauch zurück?

Glauninger: Das ist eine Entwicklung, die man seit langem in vielen Großstädten des deutschen Sprachraums beobachten kann. Außerdem ist der Dialekt in Wien stigmatisiert. Er war die Sprachform der sozialen Unterschicht, und da will man - zumindest in der Öffentlichkeit - nicht dazugehören. Zum Beispiel sprechen Wiener Eltern mit ihren Kindern, zumindest in den ersten Lebensjahren, in der Regel nicht im Dialekt - selbst, wenn sie es untereinander schon tun. Das ist in dieser Ausprägung in Österreich ein typisch wienerisches Phänomen.

Ganz besonders interessant sind hier die Wiener Jugendlichen. Sie sind in Österreich die erste Bevölkerungsgruppe, die unabhängig vom sozialen Hintergrund keinen Dialekt mehr verwendet. Neben der erwähnten Stigmatisierung kommt bei dieser Gruppe wohl noch der Einfluss der Migration dazu. Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache lernen, erwerben kaum eine Dialektkompetenz. Schon gar nicht, wenn die Kinder deutscher Muttersprache, mit denen sie Kontakt haben, ebenfalls keinen Dialekt sprechen. Das heißt, die Kommunikationsform des Deutschen, die Wiener Kinder mit und ohne Migrationshintergrund in Kindergarten und Schule miteinander verwenden, ist von Haus aus dialektfern. Die Kinder nähern sich beim Sprechen möglichst an das "Hochdeutsche" an.

Ein dritter Punkt sind die Massenmedien, die die Jugendlichen in ihrem Sprachgebrauch beeinflussen. Es ist unter Wiener Jugendlichen uncool, Dialekt zu sprechen - aber: Was machen sie? Sie bauen, ebenso wie die Qualitätsmedien, einzelne Dialektwörter in ihre Kommunikation ein. "Oida" oder "deppert" zum Beispiel. In den anderen österreichischen Landeshauptstädten ist das durchgehend dialektferne Sprechen unter Jugendlichen bei weitem nicht so stark ausgeprägt - und am Land kaum zu beobachten. Da sprechen auch die Jugendlichen selbstverständlich Dialekt.

In Österreich gibt es immer wieder besorgte Stimmen, die fürchten, dass das "typisch Österreichische" aus der Sprache verschwindet ...

Glauninger: Die identitätsstiftende Funktion der Sprache war und ist in der Linguistik ein Thema: Ist das österreichische Deutsch wichtig für die Identität der Österreicher? Ist "Österreichisch" gar eine eigene Sprache? Das ist aber leider oft ideologisiert worden. Man hat dabei auch die vielen anderen Fragestellungen zum Deutschen in Österreich ein wenig vernachlässigt, ebenso wie manche neue theoretische und methodische Ansätze.

Heutzutage muss man das Verhältnis zwischen Sprache und Nationalstaat neu überdenken, nicht zuletzt im deutschen Sprachraum. Und zwar deshalb, weil wir innerhalb der EU immer mehr supranationale Strukturen haben. Deutschland und Österreich sind aufs Engste verflochten, vor allem auch ökonomisch. Im Alltag verschwinden die Staatsgrenzen. Es gibt einen Abbau der nationalen Paradigmen. Das muss sprachwissenschaftlich berücksichtigt werden. Denn Sprache und Sprachbewusstsein werden durch außersprachliche Rahmenbedingungen geprägt.

Heißt das, der Erdäpfelsalat wird endgültig dem Kartoffelsalat weichen?

Glauninger: Wir müssen ein anderes Paradigma finden. Die Art und Weise, wie man in Österreich Dialekt, Standardsprache und andere Varietäten nebeneinander und miteinander verwendet, die kollektive innere Mehrsprachigkeit - das ist zum Beispiel meiner Ansicht nach viel "österreichischer" als einzelne Begriffe wie Erdäpfelsalat.

Die Sprache wandelt sich und dieser Wandel lässt sich nicht aufhalten. "Typisch österreichisch" ist für mich vor allem, viele verschiedene Varietäten des Deutschen zu kennen und sie funktional einzusetzen. Man soll "Bundesdeutsches" in der Sprache nicht bekämpfen, sondern schauen, welche Funktion es für die Österreicher hat. Sie verwenden nämlich oft bewusst "bundesdeutsche" Sprachelemente und haben dadurch eine zusätzliche kommunikative Option.

Zur Person:
Manfred Glauninger wurde 1964 in Graz geboren und studierte dort von 1992 bis 1997 Deutsche Philologie, Geschichte und Philosophie. Es folgten fünf Jahre (1998-2003) als Lektor für deutsche Sprache und österreichische Literatur an der Universität Pécs (Ungarn). Seit 2003, dem Jahr seiner Promotion, ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, seit 2005 auch dessen stellvertretender Direktor. 2010 erfolgte seine Habilitation im Fach "Germanistische Sprachwissenschaft" an der Universität Wien. Er lehrt als externer Beauftragter an den Universitäten Wien, Graz und Salzburg.






Tagung "Deutsch in Östereich"
Manfred Glauninger wird im Rahmen der Tagung "Deutsch in Österreich - Theoretische und empirische Aspekte der Variationslinguistik und Mehrsprachigkeitsforschung" zum Thema "Deutsch in Österreich - Perspektiven einer funktional dimensionierten Variationslinguistik" sprechen. Die Tagung findet vom 19. bis 21. April 2012 in Wien statt und wird vom Institut für Germanistik der Universität Wien gemeinsam mit dem Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika der ÖAW veranstaltet. Weitere Informationen zur Tagung finden Sie unter dioe.univie.ac.at/dioe.


Kontakt:
Doz. Mag. Dr. Manfred Glauninger
Institut für Österreichische Dialekt- und Namenlexika
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Wohllebengasse 12-14, 1040 Wien
T +43 1 51581-7283
manfred.glauninger(at)oeaw.ac.at
www.oeaw.ac.at/dinamlex


März 2012