Thema 03/2012: Soziolinguistik

Die Sprachenvielfalt im indischen Himalaya


In den dünn besiedelten Regionen des nordindischen Himalayas gibt es eine große Vielfalt an sogenannten Mikrosprachen. Der Ethnolinguist Christian Huber vom Phonogrammarchiv der ÖAW erforscht und dokumentiert sie in ausgewählten Dörfern.

Mikrosprachen sind solche, die nur von einigen Hundert bis wenigen Tausend Menschen gesprochen werden. Viele haben sich bis in die Gegenwart nur über mündliche Tradierung erhalten. Ein Gebiet mit besonderer sprachlicher Diversität ist der District Kinnaur im nordindischen Bundesstaat Himachal Pradesh. Die Gebirgsregion mit den niedrigsten Tälern auf 1200 Metern Seehöhe und den höchsten Gipfeln um die 6000 m liegt nahe der Grenze zur Autonomen Region Tibet. Kinnaur ist verglichen mit anderen indischen Regionen dünn besiedelt. Kulturell und ethnologisch gibt es sowohl tibetische als auch indische Einflüsse. Die Menschen leben von Landwirtschaft und mehr und mehr vom Tourismus. Sie verständigen sich innerhalb ihrer Kaste oder ihres Dorfes in oral tradierten Sprachen. Für die Kommunikation nach außen und zunehmend unter den Jungen wird Hindi verwendet, das auch der schriftlichen Kommunikation dient.

Für die Ethnolinguistik ist interessant, dass es in Kinnaur nicht nur um Dialekte und Varianten einer "Hauptsprache" geht, sondern, dass die gebräuchlichen Sprachen zwei ganz unterschiedlichen Sprachfamilien angehören: der tibetoburmanischen und der indoeuropäischen. Viele Menschen sind mehrsprachig und können sich oft in drei bis vier Sprachen verständigen.

Christian Huber vom Phonogrammarchiv der Österreichischen Akadmie der Wissenschaften (ÖAW) ist Spezialist für die bislang kaum erforschte Sprache Shumcho aus dem westhimalayischen Zweig der tibetoburmanischen Sprachfamilie. Seit Jahren bereist Huber das Gebiet und hat mittlerweile gute Kontakte zu den Dorfbewohnern aufgebaut. Shumcho wird in einigen Dörfern im zentralen Teil von Kinnaur gesprochen. Das Gebiet liegt zwischen dem tibetisch sprechenden nördlichen Teil und dem Kinnauri- (tibetoburmanisch) beziehungsweise Kinnauri-Harijan-sprechenden (indoeuropäisch) Süden. In manchen Dörfern wird Shumcho von allen sozialen Gruppen gesprochen, in anderen nur von Angehörigen der unteren Kaste(n). Dort spricht die obere Kaste Jangrami oder Sunnam (ebenfalls tibetoburmanische Sprachen). "Interessant ist, dass die Sprecher keine eigene Bezeichnung für ihre Sprache haben. 'Shumcho' ist nur die Bezeichnung für das Gebiet der drei Dörfer Kanam, Labrang und Spillo, wo die Sprache von allen Kasten gesprochen wird", weiß Huber.

Die Arbeit von Christian Huber in diesem Gebiet baut auf einem Projekt zur mündlichen Weitergabe alter Lieder und Erzählungen auf, das bereits 2004 abgeschlossen wurde. Das aktuelle Projekt geht über die Dokumentation der Geschichten hinaus. "Die Sprache selbst steht im Zentrum: Grammatik und Wortschatz werden erforscht und dokumentiert", fasst Huber seine Arbeit zusammen. Er führte im Jahr 2007 umfangreiche Feldforschungen durch. Im Lauf der nächsten zwei bis drei Jahre möchte er die Basis für das Wortlexikon und eine fundierte Grammatik von Shumcho legen. "Wir haben eine gewisse Eile, denn die Jungen lernen oft nicht mehr die Nuancen der althergebrachten Sprache. Moderne Medien tragen ihr Übriges dazu bei", erzählt der Sprachforscher. Ein weiterer Aspekt von Christian Hubers Arbeit am Phonogrammarchiv ist die Pflege und Dokumentation von im Himalaya gemachten Aufnahmen und die Betreuung sprachwissenschaftlicher Aufnahmeprojekte. "Bedrohte Sprachen müssen beizeiten dokumentiert werden. Wenn keine Sprecher mehr verfügbar sind, ist es zu spät", so Christian Huber mit einer gewissen Wehmut.


Kontakt:
Mag. Christian Huber
Phonogrammarchiv
Zentrum Sprachwissenschaften, Bild- und Tondokumentation
Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)
Liebiggasse 5, 1010 Wien
T + 43 1 4277-29605
christian.huber(at)oeaw.ac.at
www.phonogrammarchiv.at


März 2012